Unterwegs mit dem Kölner Dreigestirn

Die Macht des Ornats

Köln. Das Kölner Dreigestirn absolviert in der Session 400 Veranstaltungen. Petra Albers hat einen Tag mit Prinz, Bauer und Jungfrau verbracht.

Um Punkt 17 Uhr rauschen die Wagen des Festkomitees Kölner Karneval auf den Hof des Krankenhauses. Die Fahrer springen heraus, reißen die Türen auf – und heraus steigen die Drei, die in diesen Tagen in der Domstadt als Top-Promis gefeiert werden: Prinz Stefan I., Bauer Andreas und Jungfrau Stefanie. Die Karnevalsfeier für die Patienten ist in vollem Gange, der Auftritt des Kölner Dreigestirns ist der Höhepunkt.

„Dreimal Kölle Alaaf!“, ruft der Prinz, und sein Federhut wippt, als er die Hand nach oben reckt. Er trägt ein prächtiges Gewand mit Kölner Wappen, dazu weiße Strumpfhosen und mit goldenen Schnallen besetzte rote Schuhe. Die etwa 250 Zuschauer - Patienten und Mitarbeiter - sind aufgestanden, sie klatschen und jubeln, das Ganze wird live in die Krankenzimmer übertragen.

Es ist der zweite Termin des Dreigestirns an diesem Tag. Vom ersten sind sie alle noch ganz berauscht: Da haben sie – alle drei hartgesottene Anhänger des Bundesligisten 1. FC Köln – in der Halbzeit im Stadion gestanden und sich von Zehntausenden Fußballfans bejubeln lassen.

Auf der Krankenhaus-Sitzung ist es intimer, das nutzt Prinz Stefan, um auch eine ernstere Botschaft loszuwerden: „Wir haben in den Sälen gemerkt, dass die Menschen zusammenrücken. Sie lassen sich nicht von dem, was gerade auf der Welt passiert, unser schönes Brauchtum und das Feiern kaputtmachen.“ Applaus und Ausmarsch des Dreigestirns, ab in die Autos und zum nächsten Termin.

Die Kostümsitzung der „Löstigen Paulaner“ findet in einem Saal des Nobelhotels statt, in dem das Dreigestirn und sein Gefolge seit der Proklamation Mitte Januar wohnen. Das hat vor allem logistische Gründe: Von hier aus starten sie – begleitet von einer zwölfköpfigen Prinzenwache – zu ihren Auftritten, von denen sie erst spätabends zurückkehren. „Kölsche Hofburg. Residenz des Kölner Dreigestirns“, steht auf einem großen Schild am Gebäude.

Adjutanten immer dabei

Ihre „Bediensteten“ wohnen ebenfalls in der Hofburg: der Hoffriseur, der die Drei schminkt und sich natürlich um die Frisuren kümmert – besonders um die Echthaarperücke der Jungfrau, denn die dicken blonden Zöpfe benötigen spezielle Pflege. Und die persönlichen Adjutanten, die dem Dreigestirn beim Ankleiden der schweren Ornate helfen.

Die Adjutanten sind auch unterwegs immer dabei, setzen zum Beispiel dem Bauern den Hut mit den wuchtigen Pfauenfedern auf oder helfen der Jungfrau beim Toilettengang – „alleine käme ich gar nicht aus den Klamotten raus“, sagt Jungfrau Stefanie, die in Wirklichkeit Stefan Knepper heißt.

Was kostet das alles? Zahlen will das Festkomitee nicht nennen. Etwas auf der hohen Kante haben müssten die Mitglieder des Dreigestirns natürlich schon – aber nicht so viel, wie mancher denke, sagt Sprecherin Sigrid Krebs. Wichtiger noch als Geld sei Zeit. Denn mehr als sieben Wochen lang fallen Beruf und Familie sozusagen aus. „Ich konnte das zum Glück so organisieren, dass ich jetzt vorlesungsfreie Zeit habe“, erzählt Prinz Stefan, der eigentlich Stefan Jung heißt und Hochschullehrer mit Schwerpunkt BWL und Steuern ist. Die Familie hat der 46-Jährige in den letzten Wochen nur selten gesehen – „wenn die da nicht mitziehen würden, könnte man dieses Ehrenamt nicht machen“.

Der Auftritt in der Hofburg ist vorbei, der Prinzenführer hat die Gelegenheit genutzt, sich schnell umzuziehen, denn abends trägt er Frack. Die Autos stehen bereit und fahren auf die andere Rheinseite.

Bei der „Lachenden Kölnarena“ ist für die Zuschauer Feiern pur angesagt, zu den 13 Veranstaltungen kommen jeweils rund 8000 verkleidete Gäste und sämtliche Größen des Kölner Karnevals. In der Halle ist es sehr laut, das Dreigestirn ist gleich am Anfang dran und zieht hinter mehreren Gruppen einmal durch das Rund. Auf der Bühne präsentieren die Drei ihren Stimmungshit „Wat wör et Dreijesteen ohne üch“ und überlassen dann anderen das Feld.

"Das ist kein Stress, das macht Mega-Spaß"

In einem Hotel in der Nähe ist Pause, der Manager begrüßt die Gäste, es gibt Pizza, Pasta und Kölsch. Die Stimmung ist ausgelassen, alle scharen sich um Stehtische, lachen und stoßen an. Wie halten sie das durch, über 400 Auftritte in wenigen Wochen, manchmal mehr als zehn am Tag?

„Das ist kein Stress für uns, das macht einfach Mega-Spaß“, sagt Bauer Andreas (Bulich), ein großer kräftiger Kerl von 39 Jahren. Schon als Kind sei es sein Traum gewesen, eines Tages zum Kölner Dreigestirn zu gehören. Ganz anders als Prinz Stefan: „Ich habe mich lange gegen den organisierten Karneval gesperrt“, erzählt er.

Kneipenkarneval ja, aber Verein? Nein. Erst 2014 habe Bulich, der übrigens früher bei ihm Vorlesungen besucht hatte, ihn überredet, doch mal mitzukommen zur „Kölner Narren-Zunft 1880“, einer der ältesten Karnevalsgesellschaften Kölns. „Von da an war ich total angetan.“ Als der Präsident ihn dann schon recht bald fragte, ob er nicht den Prinzen machen wolle, sei er „total platt“ gewesen, sagt Jung.

„Das ist ein wichtiges, sehr verantwortungsvolles Amt. Das Dreigestirn übernimmt ja quasi die Macht über die Stadt“, erklärt Festkomitee-Sprecherin Krebs. Deshalb sei das Auswahlverfahren ähnlich aufwendig wie bei einer Chefposition in einem großen Unternehmen. Nur Karnevalsgesellschaften, die dem Festkomitee angehören, dürfen Bewerbungen abgeben. Die Kandidaten müssen zahlreiche Unterlagen und ein polizeiliches Führungszeugnis einreichen, und sie durchlaufen ein mehrstufiges Verfahren.

„Seit unserer Proklamation habe ich völlig das Zeitgefühl verloren“, sagt Prinz Stefan. „Ich habe keine Ahnung, welcher Wochentag ist. Das ist wie im Rausch.“ Während sein Adjutant zum Aufbruch drängt, wollen ein paar Hotelgäste Selfies mit dem Prinzen machen.

"Möchte nicht mit Voll-Promi tauschen"

„Wirklich unglaublich ist diese Macht des Ornates“, meint er nachdenklich. „Wenn ich das trage, will jeder Fotos mit mir machen. Aber wenn ich ohne Ornat auf die Straße gehe, erkennt mich keiner.“ Das sei aber auch gut so, fügt er hinzu: „Wir sind hier lokal prominent. Das ist schön, aber ich möchte nicht mit einem Voll-Promi tauschen. Es ist gut, dass das Ganze bis zum Aschermittwoch zeitlich begrenzt ist.“ Dann eilt er den anderen hinterher zum Auto.

Vor dem nächsten Auftritt ist vor allem Stefan Knepper etwas angespannt. Denn bei der Stattgarde Colonia Ahoj, die ihre Wurzeln in der Schwulen-Szene hat, steht traditionell die Jungfrau im Mittelpunkt. „Das wird wohl ziemlich anstrengend für mich, hab ich gehört“, sagt Knepper. Tatsächlich. Auf der engen Bühne eines Ausflugsschiffes stehen zwei Stühle für Prinz und Bauer bereit, während die Jungfrau tanzen muss. „Oh, wie ist das schön“, spielt die Musik und singen Hunderte Feiernde, immer und immer wieder.

Es ist brüllend heiß, allen läuft der Schweiß, und die Jungfrau tanzt und tanzt, eine geschlagene Viertelstunde lang. Tapfer schwingt sie ihr Spiegelchen hin und her, die blonden Zöpfe fliegen. Irgendwann hat der Moderator Erbarmen, und unter tosendem Applaus verlässt das Dreigestirn die Bühne – „erst mal an die frische Luft“, japst einer von der Prinzenwache.

Die Autos des Festkomitees stehen inzwischen wieder am Anleger bereit. Eine gute Viertelstunde lang dürfen sich das Dreigestirn und sein Gefolge nun ein bisschen erholen - auf dem Weg zum nächsten Termin. Die Fahrer schmeißen die Türen zu, und die Wagen rauschen los.