Volkskunde

Närrischer Urlaub von der Normalität

Einmal Abweichen von der Alltagsnorm macht den Reiz der "Fünften Jahreszeit" aus

BONN. Volkskundler nehmen die "fünfte Jahreszeit" unter die Lupe: Der mittelalterliche Karneval bildete den Gegensatz zum frommen Fastenleben - Früher spielte der Narr die Rolle des Teufels

Keine Chance für den "Nubbel" - die Strohpuppe brennt lichterloh. Ein Karnevalsbrauch, wie er typisch für das Rheinland ist. Diese Bräuche lassen sich auch wissenschaftlich betrachten und hinterfragen: Beim Kongress "Geister, Narren, Rosa Funken" in der Bad Godesberger Stadthalle steht die "Fünfte Jahreszeit" im Mittelpunkt.

Der "Nubbel" brennt zum Abschluss der Veranstaltung. Zuvor diskutieren namhafte Wissenschaftler sechs Stunden über so etwas scheinbar Banales wie den Karneval. Und einige Referenten verfallen dabei sogar zeitweise in rheinisches Platt.

So auch Doktor Fritz Langensiepen, Leiter des Amtes für rheinische Landeskunde im Landschaftsverband Rheinland. Er eröffnet den von seinem Amt organisierten Kongress mit einem mundartlichen Vers: "Hüert dä Fatsäl on hüert dä Kal, do in der Büt, om Tsoch, om Bal! Me meent, dii häte al ne Knal. Normal es dat op keene Fal." Gerade dieses Abweichen von der Alltagsnorm, so Langensiepen, mache den Reiz der "Fünften Jahreszeit" aus.

Welche Blüten der Karneval treiben kann, zeigt das Beispiel des 48-jährigen Kaufmanns Peter. "Er hatte sich in mühevoller Arbeit ein Kostüm gezimmert, das den Arbeitstitel »Eierlöffel-mit-Sanitätsküken-aus-dem Ei-geschlüpft« ohne Einschränkung verdient." Alles, um sich in ein Wesen zu verwandeln, das nicht von dieser Welt der Normen, Reglementierungen, Steuererklärungen und Parkuhren sei.

"Peter war auch schon »Engel-Hase-gerade-erschossen«, ein für ihn konventioneller Look, für mich allerdings auch sehr exotisch, und »Eisbär im Packeis«, wobei das Kostüm nicht weniger als 17 Kilo wog", so Langensiepen. Dass sich der Karneval nicht erst seit jüngster Zeit durch Abweichung vom "Normalen" definiere, zeigt der Blick auf seine Ursprünge.

Professor Werner Mezger, Volkskundler aus Freiburg, hat sich diesem Thema gewidmet und räumt als erstes mit der "mythologischen Kontinuitätstheorie" auf, die die Wurzeln des gesamten närrischen Treibens schon in grauer Vorzeit sucht. Sein Urteil: "Sie ist mega-out." Wie schon die Bezeichnungen Fastnacht, Fasching (Schank vor dem Fasten) und Karneval (carnislevamen - Fleischwegnahme) vermuten ließen, sei die Entstehung des Karnevals eng mit dem Fasten verbunden.

Im Mittelalter bedeutet die Fastzeit einen markanten Einschnitt im Wirtschaftsjahr. Die verbotenen Lebensmittel wie Eier und Schmalz müssen, wenn sie in der Fastenzeit nicht verderben sollen, vorher verspeist werden. "Es liegt in der Natur der Menschen: Wenn es viel zu essen und zu trinken gibt, wird gefeiert."

Später kommen mehrere Bräuche hinzu, wie die Verspottung von Jungfrauen, verballhornte Turniere und, vom 14. Jahrhundert an, das Theaterspiel. In frühen Umzügen zeigt sich das gesamte Spektrum der Heilsgeschichte: Neben Engeln und Heiligen gibt es immer auch Teufel und Dämonen. Die Fastnacht definiert sich als Gegensatz zum frommen Fastenleben. Die Masken, die zur Schau getragen werden, stammen meist aus dem Fundus für geistliche Schauspiele.

Narren treten erst im späten 15. Jahrhundert auf - allerdings nicht als humorvolle Boten der Fastnacht, sondern als Ersatz für das Teufelsbild. Im 52. Psalm der Bibel ist der Narr beschrieben als einer, der nicht an die Existenz von Gott glaubt. Abbildungen aus Heiligen Schriften zeigen, dass das Narrenbild im 13. Jahrhundert kaum unserem heutigen Narrenbild entspricht.

Erst nach und nach bekommt der Narr Eselsohren, ein buntes Schellenkostüm und den charakteristischen Puppenstab. Dass die frühen Karnevalsbräuche bis zur heutigen Zeit kontinuierlich in der alemannischen Fastnacht gepflegt wurden, stellt Mezger in Abrede.

Die Kölner Karnevalsreform 1823 (siehe "Der organisierte Narr") sei für die gesamte Narretei stilprägend gewesen - auch im süddeutschen Raum. Erst Ende des 19. Jahrhunderts hätten kleine Handwerker in Süddeutschland beschlossen, wieder die alte Fastnacht zu feiern. Für Mezger ein Paradebeispiel dafür, dass sich Bräuche wie der des Karnevals stetig fortentwickeln. "Wie wir feiern zeigt unser Befinden."

So begrüßt er den vergleichsweise neuen, alternativen Karneval, der ebenfalls Kongressthema war: parodistischer Karneval der Kölner Stunk- und Aachener Strunxsitzung, homosexuelle Narretei mit den Rosa Funken, der Kölner Geisterzug mit Sambaklängen. In welche Richtung der Karneval sich in den kommenden Jahrzehnten entwickelt, sei letztlich unerheblich: "Er ist und bleibt ein zentrales Phänomen der hiesigen Kultur. Wer sich der rheinischen Mentalität nähern will, kommt am Karneval einfach nicht vorbei", so Langensiepen.