Verständnis nach Mittelfinger

Spuck-Attacke gegen Baskets-Spieler Webb III

BONN. Nach der Spuck-Attacke gegen James Webb III und dessen Disqualifikation behalten die Baskets beim Champions-League-Spiel in Thessaloniki einen kühlen Kopf. Und es gibt viel Verständnis für Bonns Neuzugang, der nicht gesperrt wird.

Bei Ra'Shad James entlud sich sämtliche aufgestaute Wut in einem gewaltigen Schrei. Der Ball war noch unterwegs zum 98:90, da wusste der Bonner Topscorer, dass das der Sieg sein musste. Den Ring ignorierend rauschte der Ball durchs Netz. Drei Punkte, die in der Schlussminute einer phasenweise bitteren Partie sehr süß schmeckten.

Während James' Kollegen auf dem Parkett und auf der Bank begeistert feierten, legte der Werfer Richtung griechischer Fanblock gewandt den Zeigefinger an die Lippen. Einer sah das alles nicht: James Webb III, der seit der 25. Spielminute in der Kabine war. Er war in eine Situation geraten, die den Thessaloniki-Trip der Telekom Baskets zu einer Teambuildung-Maßnahme machte, wie man sie nicht besser hätte konstruieren können. Noch dazu mit einem positiven Ende. Die Baskets feierten bei PAOK Saloniki ihren ersten Sieg dieser Champions-League-Saison. Ein verdientes 100:95.

Es war das 400. Spiel der Griechen auf europäischer Ebene, die Zahl der Partygäste war sehr überschaubar – und einige von ihnen benahmen sich komplett daneben. Zunächst war in der Halle Baskets-Trainer Krunic deutlicher zu hören als die spärliche Anfeuerung. Im zweiten Viertel zog dann eine Splittergruppe der PAOK-Fußballfans in die Halle ein, die zunächst Stimmung machte, die dann aber immer feindseliger den Bonnern gegenüber wurde.

Als Webb III mit einem spektakulären Dunk, der es in die Highlight-Top5 der Champions League schaffte, zum 73:59 für Bonn traf, war die Stimmung schon ordentlich aufgeheizt. Die Griechen versuchten, schnell Richtung Basketskorb zu spielen. Webb III sprang in einen langen Pass, hatte aber so viel Schwung, dass er in Richtung eines Hallenausgangs auslaufen musste. Ähnlich wie bei der Gästetribüne im Telekom Dome standen darüber besagte Fußballfans – und bespuckten Webb III. „Es war ekelhaft“, sagte Teambetreuer Bogdan Suciu gestern. „Es war nicht nur einer, sondern wirklich viele.“ Webb III zeigte den Fans den Mittelfinger, was die Schiedsrichter mit einem disqualifizierenden Foul quittierten. Der Bonner musste die Halle verlassen, ein paar Fans, so Suciu, versuchten, ihm sogar zu folgen.

Das brachte Security und Polizei auf den Plan, die jetzt den Eingang zur Baskets-Kabine und die Bonner Bank bewachten. Krunic rief seine Mannschaft auf, im Wortsinne zusammenzurücken. Eng nebeneinander saßen sie jetzt unter dem Plexiglasdach. „Die ganze Halle war ja gegen uns“, erklärte Jarelle Reischel. „Die Coaches haben uns gesagt, dass wir cool bleiben sollen und so weiterspielen wie vorher.“ Und Krunic erinnerte immer wieder: „Ruhe bewahren. Zusammenstehen.“

Das gelang. Obwohl kurz vor Webb III auch der einzige etatmäßige Center, Charles Jackson, mit fünf Fouls – das letzte wegen Meckerns – das Feld hatte räumen müssen, verteidigten die Gäste ihre Führung. Mit intensiver Defense und klugen Entscheidungen im Angriff. Webb III reagierte sich unterdessen in der Kabine mit einer dreistelligen Zahl an Liegestützen ab. „Er hat sich erst mal von der Spucke befreit“, sagte Suciu, „und er war immer noch aufgebracht, hat sich aber auch über sich selbst geärgert.“

Seine Mannschaftskameraden nahmen ihm nicht übel, dass er nicht mehr mitspielen konnte. „Wir können seine Reaktion nachvollziehen und stehen voll hinter ihm“, sagte Reischel. Die PAOK-Offiziellen und Vertreter der Basketball-Fanclubs entschuldigten sich nach der Partie bei den Baskets.

„Der Club war ein hervorragender Gastgeber. So etwas wollen wir alle nicht in unseren Hallen sehen“, sagte Baskets-Sportmanager Michael Wichterich, der sehr zufrieden mit der Problemlösung seines Teams war. „Wir haben dezimiert angefangen, dann noch zwei Spieler verloren und sind trotzdem gegen eine gute griechische Mannschaft als Sieger vom Feld gegangen.“

Entsprechend war auch die Stimmung in der Kabine. „Das war schon ein besonderer Sieg“, sagte Reischel. Die Spuck-Attacke fand auch Eintrag in den Spielbericht. Noch vor Ort wurde seitens der Champions-League-Verantwortlichen entschieden, dass Webb III nicht zusätzlich gesperrt wird. Anders als in der BBL, wo ein disqualifizierendes Foul ein Spiel Sperre nach sich zieht, ist das in der Champions League nicht zwingend. Damit ist er gegen Nanterre am kommenden Dienstag (20 Uhr, Telekom Dome) spielberechtigt. Doch zuvor führt die Reise der Baskets zum Meisterschaftsfavoriten Bayern München (Sonntag, 18 Uhr). Da hat die in der Liga noch ungeschlagene Krunic-Truppe nichts zu verlieren.

Vermutlich wird das aber gar nicht die Herangehensweise von Trainer und Team sein, denn für eine Überraschung ist diese Mannschaft offenbar immer gut.