Karneval in Bad Neuenahr

Schinnebröder mit großem Comeback

BAD NEUENAHR. Tara Graf und Nicholas Giffels bilden das neue Prinzenpaar. "Kinder an die Macht" heißt es deshalb in der Kreisstadt. Die große Prunk- und Proklamationssitzung setzt viele Glanzlichter.

Wie Phönix aus der Asche sind sie in die erste Reihe des rheinischen Karnevals zurückgekehrt: die KG Schinnebröder aus Bad Neuenahr. Nach internen Querelen, neuen Weichenstellungen und neuem Vorstand hat sich die 33 Jahre alte Gesellschaft mit Bravour in der Welt des Frohsinns zurückgemeldet. Ein fulminantes Programm zur großen Proklamations- und Prunksitzung machten mehr als deutlich: Die Schinnebröder sind in voller Pracht wieder da.

Mit einem Kinderprinzenpaar werden die Blau-Weißen die Session bestreiten. Tara-Dyani Amelie Graf (11) und Nicholas Giffels (11), nur drei Häuser voneinander auf der Bad Neuenahrer Mittelstraße aufgewachsen, bilden das Tollitätenpaar der Schinnebröder, die ihren Nachwuchs in einem seit drei Wochen ausverkauften, sechsstündigen Narrenspektakel im Dorinthotel präsentierten und proklamierten. Die beiden Tänzer der Mittleren Funken ließen keinen Zweifel daran: Kinder gehören an die Macht. Zumindest im Bad Neuenahrer Karneval. Und klar: Tara und Nicholas stellten dann auch gleich einige Grundregeln auf, nach denen sich die Untertanen zu richten haben. Eis- und Gummibärchenlieferungen wurden ebenso vom Narrenvolk abverlangt wie die an Bürgermeister Guido Orthen unmissverständlich formulierte Forderung, den Beuler Weg unverzüglich in „Tollijäßje“ umzubenennen.

Mit Pauken und Trompeten, Funken, Fünkchen, Damen- und Herrenelferat und natürlich dem Senat war die Mannschaft der Schinnebröder in den Saal eingezogen, in dem im Blitztempo feinste Karnevalsstimmung herrschte. Nach einigen flotten Tänzen der eigenen Garden hieß es zunächst für die bisherige Prinzessin Kathrin I. (Ihlau) Abschied nehmen. Mit viel Emotion und zahlreichen Dankesworten zog sie Bilanz über ihre von vielen Erlebnissen geprägte Tollitätenzeit.

Dann aber hieß es „Bühne frei“ für die „Jungen Trompeter“ die im herrliche geschmückten Saal ihre Blasinstrumente strapazierten. Das Brüderpaar Markus und Peter Rey gehört mit ihren Sessionshits und kölsche Oldies zu den Shooting-Stars des Karnevals. Auch in Bad Neuenahr enttäuschten die Kerpener nicht: Erste Schunkeldurchgänge waren angesagt.

Die vielleicht beste Nummer des Abends stand noch in der ersten Halbzeit auf dem Programm: Wolfgang Trepper lieferte einen erstklassigen Verzäll aus dem Leben und widmete sich dabei insbesondere den Spähren der deutschen Schlagerwelt, die nicht zuletzt von der ZDF-Hitparade, von Dieter-Thomas Heck und Heino geprägt sei. Ob der „Blau, blau, blau ist der Enzian-Sänger“, ob Helene Fischer oder Florian Silbereisen: Trepper, Comedian, Kabarettist und Radiomoderator aus Duisburg, nahm sie alle gekonnt mit Witz und Charme aufs Korn.

Weiteres Highlight auf der Schinnebröderbühne: der kölsche Tenor. Tino Selbach, diplomierter Opernsänger aus Köln, schmetterte so manche altbekannte Fastelovendsarie in Dur und Moll in den Saal und lud dabei zu einer Zeitreise in die Vergangenheit ein. Willi-Ostermann-Lieder oder Pop-Hits auf kölsch: Der Tenor aus der Domstadt ließ die Wände des Dorinthotels wackeln. Das gelang auch spielend den Rabauen. Die sechs Musiker aus Grevenbroich lieferten in Bad Neuenahr eine erstklassige musikalische Leistung ab, die sich wohltuend vom ansonsten im Karneval üblich gewordenen Ballermanngedröhne abgrenzte. Statt Jeföhl- und Heimatgesäusel, Rhing- und Hätz-Schmalz gab es beste, vor allem gesanglich gut abgestimmte Kost.

Wie immer eine sichere Bank: die „Luftflotte“. Flott in die Luft ging es besonders für die Mariechen, die mit ihren Offizieren Tanzqualitäten der Extraklasse boten. Akrobatik, Akkuratesse, Anmut: Die KG Sr. Tollität Luftflotte gehört seit ihrer Gründung vor fast hundert Jahren zu den Glanzlichtern einer jeden Karnevalssitzung.

Schlag auf Schlag ging es weiter im von einem gut aufgelegten Sitzungspräsidenten Peter Eckhardt moderierten Programm: die Micky Brühl Band hatte sich angesagt. Die Kölner Musiker sorgten für ein gleichbleibendes Hoch im Stimmungsbarometer, das dann jedoch vollends nach oben ausschlug, als zum großen furiosen Finale „Querbeat“ die Bühne enterte. Das Bläser- und Percussionensemble in der Stärke einer Fußballmannschaft jagte wie ein D-Zug durch den Saal. Wer bis dahin noch nicht auf den Stühlen gestanden hatte, der tat es jetzt.

Da ließen sich auch Bürgermeister Guido Orthen oder Kreisbeigeordneter Horst Gies wie auch die in Scharen angereisten Delegationen der befreundeten Karnevalsvereine aus der Region gerne mitreißen. „Querbeat“ setzte einen bemerkenswerten Schlusspunkt unter eine gelungene Sitzung, die vermutlich deshalb erstmals nicht mehr in der alten Konzerthalle stattfand, weil die dortige Statik dem munteren Treiben der Schinnebröder gar nicht standgehalten hätte. Kein Wunder, dass KG-Chef Rainer Jakobs und sein Vertreter Engelbert Felk hochzufrieden waren.

Zum Erfolg gibt es keinen Lift, man muss die Treppe benützen, heißt es. Das haben die Schinnebröder in den vergangenen Monaten in einer Phase eines großen Neuaufbaus getan. Die Narrensitzung mit ihrer anschließenden ausgelassenen Party im Hotel-Foyer hat aufgezeigt, dass die KG Blau-Weiß wieder ganz obenauf ist.