Milde und Strenge

Tribunal der Närrischen Buben richtet über Sinziger

Närrisches Gericht in Sinzig: (von links) Franz Hermman Deres, Ludger Lohmer und "Angeklagter" Bernd Linnarz, der zum Stadtjubiläum Kaiser Barbarossa mimte.

Närrisches Gericht in Sinzig: (von links) Franz Hermman Deres, Ludger Lohmer und "Angeklagter" Bernd Linnarz, der zum Stadtjubiläum Kaiser Barbarossa mimte.

SINZIG. Rund 30 Angeklagte müssen sich vor dem Sinziger Tribunal verantworten. Den Reservisten der Karnevalsgesellschaft Närrische Buben entgeht das ganze Jahr über nichts.

Den Reservisten der Närrischen Buben entgeht keine Verfehlung in Sinzig. Beim Närrischen Gericht, das in der Osteria Da Giorgio tagte, kam alles auf den Tisch. Unterschiedlich streng knöpften sich „Richter“ Franz-Hermann Deres und „Staatsanwalt“ Ludger Lohmer rund 30 Angeklagte vor, darunter Claudia Thelen, Stadtratsmitglied und Organisatorin der Heinz Degen-Kostümausstellung.

Schilder für ihren Naturkostladen in der Stadt veranlassten das Gericht, ihr Schildermalerei für die Buben-KG aufzubrummen. Bürgerforum-Vorsitzender Manfred Ruch, der als Bürgermeisterkandidat eine Lokalrunde gegeben haben soll, im Karneval jedoch nicht, bestritt jegliche Schuld. Aber mit Demut - er bekannte zusätzlich, den Prinzenorden zu Hause vergessen zu haben - stimmte er den Richter gnädig. Der urteilte: „Er soll ein Kölsch auf Ex trinken und damit ist es gut..

Ein Freibier pro Angeklagten, jeweils „Alaaf“-Abschiede und der Nächste trat vor. Die Normalbürger durch eine Flatrate für Bitburger und Friseurbesuche in Sinzig übervorteilt zu haben wurde Bernd Linnarz, alias Barbarossa, angelastet, was er glattweg verneinte. Eine Geldstrafe verhängte Deres gegen Pizzeria-Betreiber Franko Dzaferi wegen ominöser Parkplatzangaben, versprach aber zugleich rabiate Reservisten-Unterstützung bei der Homepage.

Firmenchef Sprengnetter wehrt sich

Reichhaltig Lobhudelei ging an den Gynäkologen Dr. Helmut Dahlmanns, bis man ihn „verurteilte“, den Senatoren beizutreten. Jugendhaus-Leiterin Petra Klein, die 15.000 Euro für das Berufseinstiegsprojekt Smarts-Up erwirkte, nicht aber für die KG, rühmte man ob ihres Marketing-Talents.

Ernst wurde es beinahe, als Delinquent Hans-Otto Sprengnetter, Firmenchef der Immobilienbewertung Sprengnetter, sich wehrte. Ausgerechnet an einem Rosenmontag hatte er den Umzug seiner Firma von Sinzig nach Bad Neuenahr vollzogen. Der Unternehmer konterte, der Richter, im zivilen Leben Vorsitzender der Sinziger CDU, habe kein Grundstück für ihn in Sinzig organisiert. Deres forderte indes als Wiedergutmachung eine Einladung für die KG nach Bad Neuenahr, außerdem, in Nachfolge des Stadtmodells Franz Steinborns „Sinzig um 1650“, ein „Modell Sinzig 2050“.

Zwar schätzt das Gericht seine Missetäter schon als Einkunftsquelle, zeigt ihnen aber auch individuelle Optimierung auf. Karl-Friedrich Amendt vom Denkmalverein, welcher der Stadt ein schweres Regesten-Buch verehrte, durfte vor Ort Gesang zum Lobe der Stadt erlernen.

Kaplan Thomas Hufschmidt avancierte sogar zum Liebling der Verhandlung, obgleich der Saarländer beim „Einbürgerungstest“ versagte. Wie die Tollitäten heißen, las er vom Orden ab, und der Gerichtssaal bebte vor Lachen, als er für die Prinzessin „Sentiaca“ angab und „komischer Name“ anmerkte. Doch legte keine Geringere als die Regentin Margarete I. Fürsprache für ihn ein.