Karneval von allen für alle

Lannesdorfer ermöglichen mit einem Griff in den privaten Salzvorrat den größten Veedelszoch in Bonn

Lannesdorf. Trixie tauchte schnell ab. Beim ersten Kamelleangriff in der Lyngsbergstraße verkroch sich die Hündin unters Sofa. Bis dahin hatte der Vierbeiner noch erwartungsvoll durch das zur Straße offene Wohnzimmerfenster die Nase in den Wind gesteckt.

Für Frauchen Marita Walbröl war die Karnevalsphobie ihres Schützlings nichts Neues: "Sie ist eben kein Jeck". Ganz anders als unzählige Narren, die während des Rosenmontagszuges die Straßen in Lannesdorf säumten.

Bilddoku Bilddoku Bilder vom Zug in Lannesdorf

Größter Veedelszoch in Bonn - diesen Titel verteidigten die Lannesdorfer auch in diesem Jahr. Nicht zuletzt durch den Einsatz zahlreicher Bürger. Während erstmals in NRW eine Autobahn wegen Salzmangels gesperrt werden musste, griffen die Lannesdorfer in die Speisekammer und sorgten mit privaten Salzspenden dafür, dass ihr Zoch stattfinden konnte.

Die Stadt hatte statt Salz nur Splitt zu bieten. "So ist das hier", meinte Oliver Brenner, Organisationsleiter des Zuges, "man hilft sich, wo man kann." Und so setzte sich mit nur geringer Verspätung der Zoch in Bewegung. Das Motto "Wenn Engelche existiere, donn se in Lannesdorf fiere", nahm in zahlreichen Varianten Gestalt an. Zum Beispiel bei den "Lannesdorfer Pänz".

Die fanden sich selbst "einfach himmlisch" und spazierten als kleine Wolken durch die Straßen. Oder bei der Jugendleiterrunde von St. Martin und Severin, allerdings aus umgekehrtem Blickwinkel. Die Truppe grüßte nämlich als Teufelchen oder gruselig Maskierte die Jecken am Straßenrand. Engel sein sei ja schön, meint eine aus der Gruppe, aber "ein bisschen Satanisches steckt doch in jedem von uns".

Viele private Gruppen geben dem Lannesdorfer Zug die nötige "Bodenhaftung" nach dem Motto: Karneval von allen für alle. Da gab es die Familie Leyendecker, die Familie Kaever, die Gruppe "Schugt & Co" als Wikinger, die "Schwaadlappe" oder die "Engel-Bengel" um Heike Kutlu und Gislint Grenz. Nicht zu vergessen die "Nix-Nutze", die erneut mit knallbunten Kostümen eine Augenweide abgaben.

Karnevalistisches Schwergewicht im Zug: die KG "Fidele Möhnen", die mit Fußtruppen wie der jungen Tanzgarde "Rasselbande" und mit Mottowagen vertreten war. Präsidentin Maria Florent zeigte sich dem Volk als Chef-Engelin, das erste Lannesdorfer Dreigestirn aus Prinz Milenius, Bauer Laurentius und Jungfrau Julia übte sich in der Kunst des Kamelle-Weitwurfs.

Und wie immer flog neben satt Süßem auch reichlich Gemüse auf das närrische Volk herab. Bei Marita Walbröl in der Lyngsbergstraße legten hilfreiche Hände die Lauchstangen auf das Fensterbrett. Für sie ist der Rosenmontag ein ganz besonderer Feiertag.

Zuletzt war sie vor 22 Jahren mitten drin im närrischen Volk. Dann kam der Schlaganfall. Seitdem verfolgt sie den Zug am Wohnzimmerfenster - aus dem Rollstuhl. Und Trixie ist dabei - bis die Kamelle kommen.