Rheinische Emanzipation begann bereits 1824

60 Jahre Rathausstürmung an Weiberfastnacht in Beuel

Rathaussturm 1975: Obermöhn Erna Neubauer lädt die städtischen Honoratioren zu einem Ritt auf den Elefanten ein. Der Trick gelingt, die Stadtspitze verlässt den Rathausbalkon und schon sind die Weiber drin.

Rathaussturm 1975: Obermöhn Erna Neubauer lädt die städtischen Honoratioren zu einem Ritt auf den Elefanten ein. Der Trick gelingt, die Stadtspitze verlässt den Rathausbalkon und schon sind die Weiber drin.

Beuel. Am Freitag, 12. Januar, wird Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan die designierte Wäscherprinzessin Franzi I. (Sprenger) proklamieren. Die feierliche Zeremonie beginnt um 19.11 Uhr im Beueler Brückenforum. Mit 1000 Gästen ist die Inthronisation ausverkauft.

Seit 1958 stürmen Frauen unter Führung einer Wäscherprinzessin das Rathaus auf der Schäl Sick. Damit feiert Beuel in dieser Session ein kleines Jubiläum: 60 Jahre Wäscherprinzessin. Seitdem die Beueler Weiberfastnacht diese Leitfigur besitzt, interessieren sich auch die Fernsehsender rund um den Erdball für dieses rheinische Brauchtum. Sender aus Japan und Kanada haben wegen der närrischen Jeanne d' Arc schon in den 1980er Jahren Filmteams nach Beuel geschickt.

Prinzenpaare, Dreigestirne und andere Karnevalsregenten gibt es überall in Deutschland und im benachbarten Ausland. Das Oberhaupt der Beueler Wäscherinnen ist weltweit einzigartig. Die erste Repräsentantin der Weiberfastnacht war 1958 Barbara I. Tiepholt, geborene Beu. Die Ausnahmestellung der Tollität sprach sich schnell herum und so verwundert es nicht, dass sich alljährlich die Bundeskanzler der Republik gerne an der Seite der Wäscherprinzessin zeigten. Bis zum heutigen Tag hat sich an der Beliebtheit des Brauchtums nichts geändert.

Das Aufbegehren der Beueler Waschfrauen gegen den von Männern dominierten Karneval ist allerdings viel älter. Vor 194 Jahren nahm die Geschichte auf der Schäl Sick ihren Lauf: Im einstigen Wäscher- und Fischerdorf Beuel fassten beherzte Wäscherinnen den folgenschweren Entschluss, die Männerherrschaft im Karneval aufzubrechen. Am Donnerstag vor den tollen Tagen, als ein Großteil des Beueler Männervolkes zu Schiff nach Köln unterwegs war, um die von den Frauen gewaschene und geplättete Wäsche auszuliefern, schlossen sie sich zu einem Damenkomitee zusammen und schlugen die erste Schlacht gegen Griesgram und Muckertum.

Dass die Beuelerinnen es an den tollen Tagen ziemlich heftig getrieben haben, belegt das Pendant zum „Bröckemännche“: eine keifende Waschfrau. Früher war sie am Brückenpfeiler der ersten Rheinbrücke befestigt, heute hängt eine Nachbildung an der Hochwasserschutzmauer am Rheinufer. Diesen bösen Ruf hatte den Beueler Wäscherinnen aber nur ihr Treiben bei der Weiberfastnacht eingetragen. Das Jahr über waren sie fleißig und kümmerten sich um Haus und Hof. Nur am Donnerstag vor Fastnacht trumpften sie auf. Damit sind die ersten emanzipatorischen Gedanken im Rheinland von den Beueler Wäscherinnen in die Lande getragen worden.

Die Wäscherprinzessin ist seit 1958 dabei

Tradition verpflichtet bekanntlich. Die Idee der Beueler Wieve trat schon bald ihren Siegeszug durch die rheinischen Lande an, was dann mit der Zeit sogar heimatbewusste Beueler Männerherzen höher schlagen ließ. Die Herren der Schöpfung spielten mit, und so wurde aus der Beueler Weiberfastnacht mit dem Sturm auf das Rathaus ein großes Fest. Daran beteiligen sich seit 1958 nicht nur das Alte Beueler Damenkomitee von 1824, sondern sämtliche Komitees – zurzeit sind es 19 – aus allen Ortsteilen. Der Ausgang dieser stürmischen Eroberung ist immer derselbe, aber mit welchen Mitteln die Frauen zum Durchbruch kommen, bleibt jedes Jahr ein „gut gehütetes Geheimnis“.

Zum Erfolg der Weiberfastnacht trug natürlich auch die seit 1958 alljährlich proklamierte Wäscherprinzessin bei, die zusammen mit der Obermöhn als „Zweigestirn am Beueler Karnevalshimmel fungiert“. Der Schutzbrief, der nach dem Rathaussturm der Wäscherprinzessin überreicht wird, ist äußeres Zeichen der Übernahme der Rathausgewalt. Der Begriff „Obermöhn“ mag für nichtrheinische Ohren fast beleidigend klingen, im Rheinland ist er aber keinesfalls negativ besetzt. Im Gegenteil: Sie verkörpert im Beueler Karneval die frauliche, gemütvolle und bodenständige Rolle. Sie steht mitten im Leben und ist wortgewandte Speerspitze des Beueler Damenkomitees.

Beuels Obermöhnen: Die wahrscheinlich erste Präsidentin oder Obermöhn war Agnes Lohr, geborene Fritzen. Nachfolgerin wurde ihre Tochter Anna Uckerath. Ihr folgten Käthe Thiebes, geborene Stein, und Agnes Thiebes, geborene Mühlens. Tinni Winterscheid, geborene Michalski, übernahm danach das Amt der Präsidentin.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Anna Krause die Ära der großen Präsidentinnen des Alten Beueler Damenkomitees 1824 fortgesetzt. Von 1957 bis 1973 prägte Maria Balzer als Präsidentin des Alten Beueler Damenkomitees die Funktion der Obermöhn. Ihr folgte Erna Neubauer, die dieses Amt über Beuel hinaus bekannt gemacht hat. Als rheinische Frohnatur hat sie ohne Eitelkeit mit menschlicher Größe diese Aufgabe, die ihr auf den Leib geschnitten war, wahrgenommen. Nach 25 Jahren gab sie ihr Amt an Eva-Maria Zwiebler ab. Seit 2012 amtiert Ina Harder. Die Ur-Beuelerin, war 1989 Wäscherprinzessin und 2006 Bonna.