Als Mann bei der Beueler Weibersitzung

Meerjungfrauen küsst man doch

Als Meerjungfrau Arielle hat Nicolas Ottersbach seine Flossen abgestreift und stolziert bei der Damensitzung durch den Mittelgang.

Als Meerjungfrau Arielle hat Nicolas Ottersbach seine Flossen abgestreift und stolziert bei der Damensitzung durch den Mittelgang.

BEUEL. GA-Mitarbeiter Nicolas Ottersbach traut sich als einziger Mann zur Wieversitzung des Alten Beueler Damenkommitees. Natürlich als Frau verkleidet. Wie lange das wohl gut geht...

Es ist das schönste Kompliment, dass man als Mann auf einer Damensitzung bekommen kann. „Du siehst aus wie die Sunny aus der Lindenstraße – der Kerl, der sich immer als Frau verkleidet“, ruft mir Cordula Vanfürth ins Ohr.

Sie trägt einen goldenen Frack, hat glitzernde Bonn-Ohrringe an und schunkelt gerade auf der Karnevalssitzung des Alten Beueler Damenkomitees. Im Arm hat die 84-Jährige die 27 Jahre alte Meerjungfrau Arielle. Mich, mit rotem wallenden Haar und in einem viel zu eng sitzenden glitzernden Schuppen-Kleid.

Ob ein Mann sie und ihre Freundinnen stört? „Nö, du hast dir ja Mühe gegeben“, sagt Vanfürth. Recht hat sie. Der Vollbart wurde abrasiert. Allein das Schminken hat eine halbe Stunde gedauert, von der Kostümwahl ganz zu schweigen.

Der Plan: Einmal als Mann den Beueler Weiberkarneval erleben. Aber nicht als Kellner oder Tontechniker, sondern inkognito. Doch lange kann ich den Damen die Rolle nicht vorspielen. „Auch wenn du gut aussiehst, du bewegst dich ganz anders. Einen Mann erkennt man hier sofort. Da nützt die beste Verkleidung nichts“, sagt Hannelore Bauer. Die 83-Jährige hat mich von der anderen Seite fest im Schunkelgriff. Mehr als 20 kleine Karnevalsorden klemmen an ihrer Weste.

Die Freundinnen kommen schon viele Jahre auf die Damensitzung, die überhaupt nicht dem modernen Karneval entspricht. Auch auf mich macht die Veranstaltung zunächst einen recht trockenen Eindruck. Als es am Sonntagnachmittag losgeht, steht an jedem der knapp 200 Sitzplätze ein Stück Käsekuchen.

Eine Tradition, wie mir eingefleischte Karnevalistinnen erklären. Weiberfastnacht sei schließlich durch einen Kaffeeklatsch entstanden. Der Pfarrsaal ist dabei bunt geschmückt, an der Decke hängen lange Stoffbahnen. Unter dem Jesuskreuz wird laut gelacht und mit Sekt angestoßen. Aber nur in den Pausen oder bei Pointen.

Denn grundsätzlich herrscht bei den kabarettistischen Auftritten, die die Mitglieder des Damenkomitees alle selbst spielen, Ruhe. Wer sich nicht benimmt, erntet dann schon einmal böse Blicke, oder ein „Psssst!“ zischt durch den Saal.

„Das schönste hier sind die Sketche“, sagt mir Hannelore Bauer. Da geht es zum Beispiel um eine trampelige Eifelerin, die eine feine Dame in einem Bonner Café bedient. Für die lautesten Lacher sorgt allerdings die spontane Situationskomik. Wenn die Eifelerin zum Beispiel wieder einmal den Text vergisst. Dann brüllt der ganze Saal. Und selbst ich, der das eigentlich gar nicht so lustig findet, lässt sich von der ausgelassenen Stimmung anstecken.

 

Das ist wohl auch das Geheimnis der Damensitzung. Sie steckt an. Diesem Bann kann sich niemand entziehen – auch kein Mann. Gerade dieses Mal, wo drei Tollitäten aus den eigenen Reihen stammen: Wäscherprinzessin Luisa I., ihre Schwester und Bockerother Prinzessin Katja II. und Bonna Patty I.

Als alle drei Frauen auf der Bühne stehen, tobt der Saal. Hannelore Bauer und Cordula Vanfürth singen „Oh, wie ist das schön“. Sie schwenken ihre bunten Leuchtstäbe und bützen mich. „Du gehörst doch jetzt dazu, mach mit“, sagen beide. So schnell kann es gehen, ich bin eine echte Dame. Nur die Frauentoilette ist für mich tabu geblieben.