Interview mit Marlies Stockhorst

Beethoven-Jubiläum wird Teil des Bonner Karnevals

Im Keller ihres Hauses hat Marlies Stockhorst einen Fotoraum eingerichtet. Unter anderem sind dort Bilder von Bonner Tollitäten mit den passenden Orden zu finden.

Im Keller ihres Hauses hat Marlies Stockhorst einen Fotoraum eingerichtet. Unter anderem sind dort Bilder von Bonner Tollitäten mit den passenden Orden zu finden.

Bonn. Marlies Stockhorst kandidiert für eine dritte Amtszeit als Präsidentin des Festausschusses Bonner Karneval. Der 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven wird auch im bönnschen Brauchtum eine große Rolle spielen.

Wie bereitet sich der Festausschuss auf das Beethoven-Jubiläum vor?

Marlies Stockhorst: Es gibt eine Vielzahl an Ideen. Wir sind mit zahlreichen Institutionen und vor allem mit der Jubiläums GmbH, Beethoven 2020, Stadt Bonn im Gespräch. Karneval und Beethoven lassen sich wundervoll verbinden. Eine Idee ist zum Beispiel, 2020 bei der Proklamation des Prinzenpaars einen gemeinsamen Tanz der in Bonn aktiven Gesellschaften und Corps zur Musik von Beethoven aufzuführen.

An wen denken Sie?

Stockhorst: Ich stelle mir vor, dass jeweils Teile der Tanzgruppen der Corps und der Tanzgruppen der Gesellschaften eine Choreographie zu einer Beethoven-Musik einstudieren. Die Musik dazu könnte das Beethoven-Orchester spielen.

Und was für Ideen existieren sonst noch?

Stockhorst: Zwei Mottowagen zum Thema Beethoven im Rosenmontagszug, ein passendes Sessionsmotto, ein Auftritt des Beethoven Orchesters unter der Leitung von Dirk Kaftan beim Bonner Rathaussturm und natürlich beim Rosenmontagszug, vielleicht sogar ein Prinzenpaar mit Beethoven-Bezug. Auch mit den Festausschüssen aus Köln, Düsseldorf und Aachen und der Region sind wir im Gespräch, was wir gemeinsam zum Jubiläum kreieren können.

Kommt der Karneval bei den Bonnern gut an?

Stockhorst: Im Allgemeinen ja, wobei die Fangemeinde in Bonn deutlich kleiner als in Köln ist – auch im Verhältnis zur Einwohnerzahl.

Wirkt sich die Popularität des Karnevals auch auf die Spendenbereitschaft der Bonner aus?

Stockhorst: Grundsätzlich schon, aber die Form der Unterstützung hat sich über die Jahre verändert. Waren es früher vorwiegend Spenden, ist es heute mehr projektbezogenes Sponsoring. Der Festausschuss und seine Gesellschaften engagieren sich sehr, um den Karneval in den Herzen der Bonner zu verankern. In Köln ist der Brauch Karneval so etabliert, dass er dort zum Selbstläufer geworden ist. Aber aus meiner Sicht gibt es keinen Grund zur Klage und dies gehört ja auch zu unseren Aufgaben, dies ist Bestandteil des Immateriellen Kulturerbes.

Was verstehen Sie unter Engagement?

Stockhorst: Wir schreiben zum Beispiel jede Firma, die sich in Bonn niederlässt, an, stellen das Kulturgut Karneval vor und bieten unsere Zusammenarbeit an. Wenn sich die Firmen darauf einlassen, merken sie sehr schnell, welch großes Netzwerk sich in Bonn durch den Karneval erschließen lässt. Als positives Beispiel sind hier die Empfänge in den unterschiedlichsten Branchen und die Besuche im Einzelhandel zu nennen. Dort werden viele gute Gespräche geführt, die sich nicht immer nur um den Karneval drehen. Diese Veranstaltungen haben hat sich im Bonner Veranstaltungskalender fest etabliert. Auch Merchandising und Werbekampagnen gehören heute dazu.

Welche Summe setzt der Festausschuss in einem Haushaltsjahr um?

Stockhorst: Bis zu 600 000 Euro im Jahr. Rund 60 Prozent davon erwirtschaften wir durch Spenden, Sponsoring und Merchandising. Von der Stadt Bonn erhalten wir derzeit 28 500 Euro pro Session. Besonders erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang den Großen Senat des Festausschusses Bonner Karneval. Seine finanzielle Unterstützung ist für uns in jedem Jahr unverzichtbarer Bestandteil, um unsere Aufgaben erfüllen zu können. Präsident Jürgen Bester steht einer homogenen Truppe vor, deren Herz für den Bonner Karneval schlägt.

Ihr Vize Stephan Eisel wünscht sich mehr Unterstützung von der Stadt Bonn. Das hat er beim Tollitäten-Auftritt in der Bezirksvertretung Bonn deutlich gesagt und dafür von der Politik Kritik geerntet. Wie bewerten Sie seinen Vorstoß?

Stockhorst: Sicherlich wäre es wünschenswert, wenn uns die Stadt Bonn mit mehr Geld unterstützen würde. Deshalb unterstütze ich seine Aussage grundsätzlich. Ein höherer Zuschuss würde uns die Arbeit sicherlich erleichtern. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Stadt uns entsprechend ihren finanziellen Möglichkeiten unterstützt. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Stadt Bonn uns außerdem mit einigen Sachleistungen – zum Beispiel am Rosenmontag – unterstützt.

Der Festausschuss ist eine rein ehrenamtlich aufgestellte Organisation. Welche Motivation treibt sie an?

Stockhorst: Es ist die Liebe zu unserem Brauch Karneval. Dieses Gefühl sorgt dafür, dass unsere Kollegen diesen enormen Einsatz leisten können. Wir sind fast das ganze Jahr über im Einsatz.

Aus wie vielen Mitarbeitern besteht der Festausschuss?

Stockhorst: Im Schnitt sind es immer um die 35 Helfer. Sie betreiben die Geschäftsstelle, kümmern sich um die Vermietung des Hauses des Karnevals, pflegen die Wagenhalle, das Haus, vertreiben unsere Merchandising-Produkte wie Mottoschal, Festabzeichen, Lose der Lotterie, erstellen unsere Publikationen und organisieren zahlreiche Veranstaltungen wie die Proklamation von Prinz und Bonna und vor allem den Rosenmontagszug.

Was hat sich Ihrer Einschätzung nach in den vergangenen Jahren im Festausschuss verändert?

Stockhorst: Wir haben uns ganz neuen Anforderungen stellen müssen. Ich nenne als Beispiel die Inklusion. Wir haben eine barrierefreie Proklamation ermöglicht, Gebärdensprachdolmetscher für Gehörlose, Schriftdolmetscher, Angebot an Induktionsschleifen, Sprachübertragung für blinde und sehbehinderte Menschen ermöglicht. Und nicht zu vergessen: die Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte am Rosenmontagszug mit eigener Tribüne im Münster-Carré.

Und darüber hinaus?

Stockhorst: Wir haben einen Bönnsch-Wanderweg im Haus des Karnevals eingerichtet, den Bönnsch-Unterricht und den Projektchor Bönnsche Pänz ausgeweitet. Und wir haben den Karneval sichtbar gemacht, indem wir am Haus des Karnevals in Tannenbusch ein riesiges Grafitto als Wahrzeichen haben anbringen lassen, sowie mit Unterstützung der Stadt Bonn und der SWB riesige, sichtbare Werbeaktionen für den Bonner Karneval gestartet. Der Rheinische Karneval steht auf der bundesweiten Liste des Immateriellen Kulturerbes der Unesco, ebenso sind wir Kulturerbe des Landes NRW, das öffnet manche Türen.

Welche Visionen haben Sie für die nächsten vier Jahre?

Stockhorst: Im 19. Jahrhundert haben viele Künstler für den Karneval Einladungen, Plakate und Ansichtskarten gemalt. Mit der Einbindung und freundschaftlichen Unterstützung von Jan Künster ist uns dies auch im kleinen Rahmen in der Vergangenheit gelungen. Aber ich wünsche mir, noch mehr Künstler für den Brauch Karneval zu begeistern. Ich denke da an die Alanus Hochschule. Auch die Einbindung von Kunstkursen aus Schulen würde ich mir wünschen. Im Festausschuss gibt es noch Freiflächen, die mit Motiven aus dem Karneval künstlerisch gestaltet werden könnten. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass Schüler Entwürfe für den Wagenbau zeichnen.

Personelle Veränderungen im Vorstand stehen für die nächste Amtsperiode an. Welche sind es genau?

Stockhorst: Aus beruflichen Gründen wird Helga Hoffmann nicht mehr als Schatzmeisterin kandidieren. Sie hat dieses Amt zwölf Jahre lang inne gehabt und hervorragende Arbeit geleistet. Das gilt auch für Bettina Neusser-Eimermacher. Sie kandidiert nach 14 Jahren Amtszeit aus privaten Gründen nicht mehr als Brauchtumsreferentin. Ich werde der Mitgliederversammlung den Ex-Prinzen Mirko Feld als neuen Schatzmeister und Christoph Arnold als neuen Brauchtumsreferenten vorschlagen.

Und wer folgt dann Christoph Arnold als Prinzenführer?

Stockhorst: Das entscheidet sehr kurzfristig der neue Vorstand.

Hand aufs Herz: Ist für Sie 2022 Schluss oder kandidieren Sie dann noch ein viertes Mal?

Stockhorst: Zwölf Jahre Präsidentin und davor zwölf Jahre Vize-präsidentin sind eine lange Zeit. Jetzt stehen aber erst mal die Wahlen an. In der neuen Wahlperiode stellen wir dann die Weichen.

Gibt es eigentlich genug Bewerber für das Amt von Prinz und Bonna?

Stockhorst: Wir müssen tatsächlich nicht nach Kandidaten suchen. Die Nachfrage ist konstant hoch. Hin und wieder sprechen wir schon mal Personen an, die wir für besonders geeignet halten. Wir befinden uns jetzt schon in der Findungsphase für das Prinzenpaar im Beethoven-Jahr.

Eine Frage, die viele Bonner beschäftigt: Wie sieht die Zukunft des Bonner Karnevals aus? Bleibt es bei vier Festausschüssen und den vier Tollitäten des sogenannten Rathaus-Protokolls?

Stockhorst: Die Eigenständigkeit des Karnevals in den vier Bonner Stadtbezirken wird bleiben, weil er identitätsstiftend ist. Manche Fragen und Aufgaben wären sicherlich leichter zu lösen, wenn es nur einen Festausschuss für die gesamte Stadt Bonn gäbe. Das neue Bonner Sessionsmotto lautet: Mir all sin Bönnsche. Und ich wünsche mir von Herzen, dass künftig der Karneval in Bonn mit einer Stimme spricht.