Als Hanswurst aus der Höhle entwischte

Der Rosenmontagszug feiert seinen 190. Geburtstag

Bonn. Vor 190 Jahren fand der erste bürgerliche Rosenmontagszug in Bonn statt. Marcus Leifeld und Karl-Heinz Erdmann haben dazu ein Buch verfasst.

Der Kölner Kurfürst Clemens August hatte es den staunenden Bonnern ja schon einmal vorgemacht. In seiner Residenz in Bonn führte er nicht nur rauschende Maskenbälle durch, sondern überliefert ist auch für den Rosenmontag des Jahres 1731 eine Bauernhochzeit als Fastnachtsumzug. Mit offenen Wagen, auf denen seine adeligen Gäste in bäuerlichen Kostümen saßen, ging es vom Schloss aus durch die Stadt.

Mit Einzug der französischen Revolutionstruppen 1794 war die Zeit der Kölner Kurfürsten vorbei. Nicht jedoch die des Karnevals. 1826 bildete sich die Bonner Carnevals-Gesellschaft als Vorläufer des Festausschusses Bonner Karneval. Und die führte am 18. Februar 1828 den ersten bürgerlichen Rosenmontagszug durch. Anno 2018 lautet das vielversprechende Motto für den Rosenmontagszug am 12. Februar denn auch: „190 Johr de Zoch kütt – 200 Johr Uni Bonn – Loss mer fiere un studiere!“

Vor 190 Jahren erlebten die Bonner ein romantisches Schauspiel, das dem Zug der Adeligen von einst nachempfunden war – höfische Figuren standen auf der „Besetzungsliste“ dieses prächtigen Zochs. Bereits acht Tage zuvor hatte sich dem Volk ein gewisser Hanswurst vorgestellt. Seine tolle Story: Der böse Zauberer Griesgram habe ihn einst entführt und in einer Höhle im Siebengebirge gefangen gehalten, bis er jetzt seinem Felsengrab entkommen konnte.

Die zentrale Symbolfigur des Karnevals war also wieder da – der Urahne des heutigen Prinz Karneval. An seiner Seite die antike Freudgöttin Laetitia mit ihrem Hofstaat, die im Verlaufe der Geschichte zur Bonna wurde. Aber zunächst wurde Laetitia 1828 in blumiger Sprache gehuldigt: „Ja, du kehrest heim, und alles Schöne, Scherz und Frohsinn, Lust und Glück, alle Farben, alle Lebenstöne, kehren uns mit dir zurück.“

Aber nicht für lange. Noch 1828, nachdem der gelungene Maskenzug noch einmal den Glanz der untergegangenen Residenzstadt zurückgeholt hatte, war Schluss. Der preußische König verbot kurzerhand den öffentlichen Karneval – eine „anormalische und in polizeilicher Hinsicht nicht unbedenkliche Lustbarkeit“ mäkelte der royale Griesgram.

Bonner gaben Geld in Köln aus

Immer wieder gab es in der Historie des Bonner Karnevals und seiner Züge Unterbrechungen – durch misstrauische Herrscher, Kriege oder auch Geldmangel. Die Tradition, das Brauchtum aber blieb bis heute erhalten dank unermüdlichen Wirkens von Karnevalisten über Generationen hinweg. So richteten sofort nach dem Verbot 1828 Bürger Petitionen an den preußischen König, den Zoch wieder zuzulassen. Das hatte auch wirtschaftliche Gründe: Für Köln gab es eine Ausnahmegenehmigung – und so gaben jedes Jahr viele Bonner beim Zoch dort ihr Geld aus. Erst Friedrich Wilhelm IV. ließ sich erweichen und erteilte am 23. Februar 1842 eine vorläufige Erlaubnis. Aber Achtung, der Regent hatte vorgebeugt: Alle politischen Anspielungen hatten zu unterbleiben.

Mit großem Knall kam er zurück

Im Folgejahr startete also wieder ein Maskenzug, der die Befreiung des Hanswursts als Sinnbild der Wiederzulassung des Karnevals poetisch zelebrierte. Er entstieg auf dem Marktplatz mit einem großen Knall einer riesigen Champagnerflasche und vermählte sich mit Laetitia. Sehr romantisch. Aber: Mit den revolutionären Strömungen jener Jahre machte sich auch das Politische breit. Masken des Zuges 1843 trugen Titel wie „Polizeiverbot“.

Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 drehte sich der Spieß um: Nun glorifizierten die Wagen den ehemals ungeliebten Herrscher. Aber: Organisation und Finanzierung der Umzüge wurden immer problematischer. Ein neu gebildetes Karnevalisten-Komitee kümmerte sich um die Planung. Ein großer Festzug lief 1913, bevor der Erste Weltkrieg so wie später der Zweite Weltkrieg erneut eine größere Pause verursachte. In der NS-Zeit galt der Karneval als urdeutsches Brauchtum, die Figur der Bonna wurde seither von Frauen dargestellt. Nach dem Krieg ging es kontinuierlich weiter. Lediglich der Mauerbau in Berlin, das Grubenunglück in Völklingen und die Hamburger Flutkatastrophe waren die Gründe, um 1962 den Zoch abzusagen. 1990 ein Sturm und 1991 der Golfkrieg waren weitere k.o.-Schläge für den Zoch, der sich heute ungebrochen großer Beliebtheit erfreut – mit mittlerweile über 5000 Teilnehmern und um die Viertelmillion Besuchern am Zugweg.

Der Rosenmontagszug in Bonn – eine spannende Geschichte. Im Jubiläumsjahr haben Marcus Leifeld und Karl-Heinz Erdmann ein Buch verfasst: „D’r Zoch kütt – 190 Jahre Rosenmontagszug“. Lesenswert für alle Jecken, aber Pflichtlektüre für jeden Bonner.