Bonner Rosenmontagszug

Dreieinhalb Stunden im Kamelleregen

Ihr wollt Kamelle han? Mit vollem Einsatz greifen Prinz Mirko I. und Bonna Patty I. in ihre Gummibärenvorräte und schmeißen nicht nur auf dem Marktplatz, was das Zeug hält.

Ihr wollt Kamelle han? Mit vollem Einsatz greifen Prinz Mirko I. und Bonna Patty I. in ihre Gummibärenvorräte und schmeißen nicht nur auf dem Marktplatz, was das Zeug hält.

Bonn. In Rekordlänge zogen die Jecken mit ihrem Zoch durch die Bonner Innen- und Altstadt. Der Zugleitung zufolge verfolgten rund 250.000 Zuschauer das bunte Treiben. Das friedliche Spektakel wurde flankiert von hohen Sicherheitsvorkehrungen.

Genau drei Stunden und 25 Minuten hat es gedauert, bis nach den Bonner Stadtsoldaten der Prinzenwagen an den Jecken vorbeizog. Der Rosenmontagszug erzielte mit 5200 Teilnehmern in diesem Jahr einen Rekordwert. Das Spektakel war nicht zuletzt dank hoher Sicherheitsvorkehrungen und vieler Polizisten friedlich. Zudem aber auch abwechslungsreich, voller Musik und bunt wie selten zuvor.

Letzteres lag natürlich wieder mal an den unzähligen verrückten Clowns vom Circus Comicus, die nach der Absage wegen des Sturms im vergangenen Jahr diesmal wieder viel Farbe ins Spiel brachten. Aber nicht nur die: Die Narren der 20 Jahre alten Gruppe Carnevale di Venezia zeigten wieder ihre prächtigen Kostüme und Masken. Genauso wie „Maske de Venezia“ aus Hildesheim, ebenfalls alles selbst gemacht. „Die anderen sind keine Konkurrenz. So muss das auch sein“, machte Claudia Dyballa Werbung für den venezianischen Karneval. Sie war am frühen Montag um 1 Uhr in Hamburg losgefahren, um in Bonn dabei zu sein und einen Flamingo hinter sich herzuziehen.

Farblich passte der zum Lila der Flüssigen, die im Zug feste Nahrung im Form von Kamelle bevorzugten und gerne mit den vielen Kindern am Straßenrand teilten. Wie so viele: Es gab Schokolade, Lakritz, Pralinen, Bälle, Strüßjer und für manche Dame einen Piccolo. Einige harte Kamelle oder Kaubonbons blieben aber leider am Boden liegen. Da ist mancher dann doch wählerisch.

 

Schüler heben ab

Dafür entführte die Emilie-Heyermann-Schule die 250.000 Zuschauer zu Alice ins Wunderland. „Ich bin der Kartensoldat“, meinte ein Herz-Ass. Zugegeben: Da musste man erst mal drauf kommen. Etwas klarer sah die Sache beim Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium aus, wo die Schüler – vielleicht vor drohenden Klausuren – in den Weltraum abhoben. Mir Raumanzügen und umgebauten Wasserflaschen für den Sauerstoff im All.

Nicht ganz so hoch flogen die hübschen winkenden Stewardessen in der guten alten Tante JU. Noch mehr Bodenhaftung, aber genauso nostalgisch war die Western-Dampflok des TKSV Duisdorf, bei der sich sogar über einen Kettenantrieb die Räder auf Schienen drehten. Vorne verteilte die Fußtruppe fleißig Süßes nach dem Motto „Ringen, Turnen, Aquafit – Schokoküsse sind der Hit“. Ist die Frage, ob das die richtige Ernährung für Kabbeleien auf der Turnermatte ist.

In der Bewegungsabteilung fielen zunächst mal die Tanzmariechen auf, die mit ihren Armen alle möglichen Bewegungen ausführten, dabei aber nur die Luft verteilten. Wahrscheinlich mussten sie erst noch warm werden, um sich zur Musik zu drehen. Warm gemacht hatten sich dagegen von Anfang an die Artisten vom Deutsch-Afrikanischen Zentrum, das Zehnjähriges feierte. Da gab es mal einen Salto und sogar einen Kopfstand auf dem Kopf eines anderen – die Hände frei. Die Künstler des GOP Varieté-Theaters bezogen die Jecken in ihre Jonglagekunststücke ein.

 

Trauriges Münster mit Pappnas'

Letztere können auch ernste Themen mit Humor nehmen, so wie das marode Münster, das auf einem Wagen äußerst windschief stand und trotz roter Pappnas' traurig schaute. Da bekam auch Stadtdechant Wilfried Schumacher richtig Mitleid und las die Temperatur auf dem Fieberthermometer ab: fast 41 Grad. Wäre da nicht noch der Zugweg zu absolvieren gewesen, hätte es wohl „ab ins Bett“ geheißen. „Wir haben aber eine besondere Infusion hier“, sagte der Monsignore im Blaumann und meinte damit die große Flasche mit Goldtalern. „Wir müssen aber noch welche nachgießen.“ Mit anderen Worten: Großzügige Spenden sind immer erwünscht. „Wir wollen auf das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung aufmerksam machen“, sagte ein bunter Jeck der Aktion Mensch. Während sich die Fidele Walzbröde schon aufs neue Schwimmbad freuten und die erste 25-Meter-Bahn aus langem blauen Stoff hinter sich herzogen, appellierte das Heinrich-Hertz-Berufskolleg: „Unser Her(t)z schlägt für Europa“.

Prinz Mirco I. und Bonna Patty I. waren begeistert von all den Truppen, die an ihrem Prinzenwagen vorbeizogen, bevor sie sich selbst am Schluss einreihten. „Ich bin extra früh ins Bett gegangen“, sagte Patty I. Für Mirko I. – ganz entspannt – war der Rosenmontag eine einzige Freude. Daran ließen sie alle teilhaben und schmissen ohne Ende Kamelle.