Querbeat im Interview

Ehemalige Mitglieder einer Bonner Schüler-Big-Band erleben großen Durchbruch

BONN. Die ehemaligen Mitglieder einer Bonner Schüler-Big-Band erleben zurzeit ihren großen Durchbruch als Profimusiker auf der Bühne und im Studio. Das 15-köpfige Ensemble Querbeat hat ein quicklebendiges Debütalbum produziert und spielt knapp 200 Auftritte im Karneval.

Die Jungs haben Verspätung. Das Handy regt sich, eine SMS: „Stehen noch im Stau“. Sebastian Schneiders, Andy und Jojo Berger befinden sich auf dem Weg von Köln nach Bonn – von ihrem Studio am Volksgarten zum italienischen Restaurant im Brückenforum. Die drei Musiker sind Teil der Bonner Großformation Querbeat, die sich 2001 als Schüler-Big-Band im Kardinal-Frings-Gymnasium gebildet hatte und zurzeit einen gewaltigen Schub erlebt.

Das erste Album „Fettes Q“ wurde veröffentlicht, kürzlich spielte man zwei ausverkaufte Weihnachtskonzerte mit Brings in der Lanxess Arena vor 18.000 Besuchern, und im Karneval stehen fast 200 Auftritte im Terminkalender. Die Brüder Andy Berger (29, Bass und Trompete) und Jojo Berger (32, Gitarre, Gesang) betreiben im Kölner Süden seit zwei Jahren die eigenen Folksgarden-Studios.

Das Duo produziert Künstler von Jazz und Pop bis Schlager und Elektronik. Sebastian Schneiders (27, Posaune und Klavier) schreibt zurzeit an seiner VWL-Doktorarbeit in Köln. Mit den Musikern sprach Heinz Dietl.

 

Querbeat existiert seit 15 Jahren, warum erscheint das Debütalbum erst jetzt? Haben Sie zu viel gefeiert in all den Jahren?

Andy Berger: Diese Vermutung kommt der Wahrheit sehr nahe (lacht). Trotzdem waren wir vorher nicht ganz untätig.

Jojo Berger: Wir haben vor zwei Jahren in unserem Kölner Studio das Projektalbum „Cuba Colonia“ aufgenommen – mit zahlreichen Bands aus der kölschen Szene. Die Bläck Fööss waren dabei, eine Ehre für uns.

Sebastian Schneiders: Das jetzige Album ist ein logischer Schritt. Wir schreiben seit fünf Jahren eigene Songs, die als Single im Karneval erscheinen. Vier dieser Nummern sind auf „Fettes Q“ plus sechs ganz neue Lieder.

 

Hat zuvor etwa der Mut für ein eigenes Album gefehlt?

Andy: Der Mut nicht. Die Entwicklung einer Band ist halt ein langer Prozess – erst recht bei 15 Mitgliedern, die alle in ihrem eigenen Musikstil unterwegs sind.

Sebastian: Man muss die Stilrichtungen vernünftig zusammen bringen und hat dabei einen gewissen Qualitätsanspruch.

Andy: Wir sind nach Köln gezogen, haben unser Studio aufgebaut, auch von der Infrastruktur her hat jetzt alles gepasst.

 

Querbeat wurde 2001 gegründet. Was war der Plan?

Andy: Wir haben jung und naiv angefangen – im Kardinal-Frings-Gymnasium. Es gab keinen Masterplan. Die Musik war ein Ventil, neben dem Unterricht einfach Spaß zu haben. Wir spielten konservative Big-Band-Stücke, aber auf unsere Art, mehr im Stil einer Brass & Marching Band.

Jojo: Irgendwann wollten wir unsere Musik auf die Straße bringen, haben in Beuel beim Stadtfest gespielt, dann auch in Bonn viel draußen.

Sebastian: Wir hatten auch Karnevalslieder im Repertoire, dabei wird man weiterempfohlen.

Andy: Die Leute haben gemerkt, dass wir mit Spaß bei der Sache sind. Irgendwann waren sie bereit, Eintritt dafür zu bezahlen.

 

Diesen Weg von der Schüler- zur Profiband beschreiben Sie auf dem Titelstück „Fettes Q“. Ist da jede Textzeile authentisch?

Jojo: Durchaus. In der Anfangszeit spielten wir mit 20 Musikern im Pfarrheim, da standen oft mehr Leute auf der Bühne als im Publikum. Das erklärt die Zeile: „Wir bauen unsere Boxen auf in allen kleinen Gassen, zu tief der Ton, zu hoch die Tassen.“

Andy: Das haben wir immer so gehandhabt: Je skurriler die Situation, desto mehr haben wir unsere eigene Party abgezogen.

Sebastian: Auch die allererste Zeile ist bewusst gewählt: „Früher waren wir noch gut …“

Und was ist damit gemeint?

Jojo: Gemeint sind alle Kritiker, die es immer gegeben hat, in allen Variationen.

Was wurde denn kritisiert?

Andy: Alles. Zu laut, zu leise, zu viele Musiker, zu wenige, zu kommerziell.

Jojo: Oder aber: Jetzt singen sie auch noch – und ausgerechnet Kölsch! Das sind doch Bonner, können die das überhaupt?

Erklärt das die multilinguale Zeile „One Love, one Veedel“?

Andy: Kann man so sagen.

In dem Lied „Das Leben gibt einen aus“ geht es um die Eigendynamik, die sich beim Besuch einer Kneipe entwickeln kann. Stichwort: „Die zehnte letzte Runde“. Eigene Erfahrungen?

Jojo: Es beschreibt die 14 Jahre lange Inspirationsphase vor dem Album. Wir sind dem Leben sehr zugewandt, besuchen nach Auftritten gern noch eine Kneipe – und finden oft kein Ende.

Andy: Diese Kneipenkultur hat was: weggehen, gesellig zusammen sitzen, ein Kölsch trinken, kreativ zu sein. Und dann wird es plötzlich hell draußen. Das ist schon sehr autobiografisch.

Ist die Nummer ein Trinklied?

Jojo: Im Ansatz vielleicht, aber es geht um mehr, um den Widerspruch, dass man eigentlich nicht versacken wollte. Doch wenn man offen ist für neue Leute, neue Gespräche, muss man so was halt zulassen, weil das Leben dann einen ausgibt.

Wie kommt es, dass sich eine Großformation im Rheinland Brass & Marching Band nennt?

Sebastian: Wir sind schon immer gern musizierend durch die Gegend gelaufen und haben viel Blech dabei. „Marschkapelle“ klingt in diesem Zusammenhang ziemlich doof.

Die Bläsersätze sind filigran, die Rhythmusgruppe hat permanent zu tun: Wie steuert man eine Band dieser Größenordnung?

Sebastian: Es ist komplizierter als bei einem Quintett, in dem es vielleicht noch ein Keyboard gibt, auf dem sich alles Mögliche programmieren lässt. Die Herausforderung liegt darin, mit dem vielen Blech eine moderne poppige Klangvielfalt zu erzeugen.

Und wie hält man alle Mitglieder bei Laune? Ist jeder mit seinem Part zufrieden?

Jojo: Es sind immer alle irgendwie beschäftigt. Während eine Sektion noch am Bläsersatz feilt, ist die andere bereits beim nächsten Arrangement. Viele haben Musik studiert, das läuft auf einem ziemlich hohen Level ab.

Ist es nicht anstrengend, im Karneval mit 15 Musikern von Sitzung zu Sitzung zu hetzen?

Sebastian: Das funktioniert wie bei anderen Bands auch, nur dass bei uns halt 15 Musiker kommen, spielen und wieder gehen.

Andy: Ein Kollege erledigt Buchungen, wir fahren im großen Reisebus zur Veranstaltung – und freuen uns tierisch.

Wie viele Auftritte sind in dieser Session geplant?

Andy: Von 6. Januar bis Aschermittwoch etwa 190. Das sind sechs, sieben Shows am Tag. In den letzten zwei Wochen geht es dann Vollgas durch. Da ist man schmerzfrei, macht auch mal acht Auftritte und an Weiberfastnacht zwölf, den letzten um drei Uhr nachts und den nächsten um zehn Uhr morgens.

Weiß man an einem dieser Tage beim sechsten Auftritt noch, wo man beim zweiten war?

Jojo: Wir versuchen es, das ist ein kleines bandinternes Spiel. Auftritte erraten.

Reicht die Gage zum Leben – bei 15 Bandmitgliedern?

Andy: Leben kann man von allem, man muss bloß gucken wie. Wir spielen das ganze Jahr durch. Stadtfeste und eigene Konzerte. Wir haben nämlich festgestellt: Unsere Musik ist ganzjahrestauglich.