Wohnung am Friedensplatz in Bonn

Familie Stichnote hat beim Rosenmontagszug immer Logenplätze

Bonn. Während der Großteil der Jecken auf die Straßen muss, um den Rosenmontagszug zu verfolgen, genießt Familie Stichnote einen Luxus: Sie kann den Zoch bequem aus ihrer Wohnung am Friedensplatz verfolgen.

Aus dem vierten Stock von Familie Stichnote betrachtet, gleicht der Friedensplatz an diesem Rosenmontag einem Wimmelbild. Und vermutlich könnte man auch den ein oder anderen „Walter“ im rot-weißen Ringelkostüm von hier oben entdecken. Nur stehen die Menschen unten zu dicht, scheinen durch ihre bunten Kostüme zu einer einzigen jubelnden Menge zu verschmelzen. Dazu kommt die laute, verzerrte Musik. Die Kälte. Die Sturmwarnung. Trotzdem warten alle auf den „Zoch“. Aber warum eigentlich?

Für einen Nicht-Narren ist das ganze Remmidemmi im ersten Moment nicht nachvollziehbar. Die Beobachtung vom Balkon aber könnte die Chance sein, sich dem Kulturphänomen erst einmal langsam und aus sicherer Distanz zu nähern. Die Stichnotes haben ihre Balkontür aber natürlich nicht für die Zeitung geöffnet.

Seit Jahren laden Julia und Michael Freunde und Verwandte in ihre Wohnung ein, um dem Rosenmontagszug aus einer komfortablen Entfernung bei bestem Panorama beizuwohnen.

„Natürlich ist das toll“, sagt Michael Stichnote. „Auch die Kinder sind so geschützter, und wenn sie quengelig werden, können sie einfach nach oben gehen, aber darum geht es nicht“, erklärt er. „Und natürlich gehen wir immer runter“, sagt Julia Stichnote. „Unten und mittendrin!“ – und dass, obwohl man sich gerade an die Wärme hier oben gewöhnt hat.

Familie lädt jedes Jahr Freunde zum Zoch ein

Unten, das ist nämlich heute da, wo der Wind die Cowboyhüte fortweht und die Kälte noch bis in die Spitze der Einhorn-Kostüme dringt. Und trotz der immer wieder einsetzenden Regenschauer scheint sich der Friedensplatz mit noch mehr Menschen gefüllt zu haben. Als der „Zoch“ endlich „kütt“, regnet es auch noch Kamelle. Ob die Bonbonwerfer es auch auf den Balkon im vierten Stock schaffen?

„Mit den Würstchentüten von früher könnte das vielleicht funktionieren.“ Christian Anspach muss diesen Satz der lauten Musik wegen unten fast brüllen. Natürlich kommt der Mann im Twitter-Trump-Entenkostüm nicht wegen der Kamelle, weiß aber Bescheid. Obwohl der gebürtige Bonner Anspach mittlerweile in Hamburg wohnt, kommt er wegen der Karnevalstage immer wieder in die Heimat. Und zu den Stichnotes. „Und ich freue mich jedes Mal auf‘s Neue“, sagt er. „Ich freue mich auf die Leute, über die Wagen, das ist einfach schön, das ist ein ganz bestimmtes Gefühl.“

„Es geht beim Karneval um die Leichtigkeit, die Freiheit“, erklärt Michael Stichnote weiter. Ob man das als Laie noch lernen kann? Die Stichnotes und ihre Freunde glauben fest daran. „Karneval ist ein kulturelles Hochfest, das geht durch alle Gesellschaftsschichten, da gehören alle dazu“, sagt Matthias Lentzen. Und tatsächlich beginnt man auch als Nicht-Karnevalist zu verstehen, warum man auf den „Zoch“ wartet, warum man sich zum Narren macht, warum man Kamelle will. Es packt einen tatsächlich, dieses besondere „Jeföhl“. Der Balkon spielt tatsächlich keine Rolle. Und mit Höhenangst ist der auch an Rosenmontag nicht komfortabel genug.