Karneval im Rheinland

Kleinere Züge aus Angst vor Randalierern abgesagt

Ein Polizist sichert 2015 den Rosenmontagszug in Köln.

Ein Polizist sichert 2015 den Rosenmontagszug in Köln.

Bonn. In mehreren kleineren Orten des Rheinlands wurde der Karnevalszug in diesem Jahr abgesagt - aus Angst vor Randalierern. In anderen Städten wurden die Sicherheitsmaßnahmen erhöht.

Groß war die öffentliche Aufmerksamkeit, als die Verantwortlichen in den Karnevalshochburgen Köln, Düsseldorf, Mainz und Bonn in den vergangenen Tagen über ihre Sicherheitskonzepte für die Karnevalstage berichteten. Nicht zuletzt aufgrund eines enormen Polizeiaufgebots sehen sich die Großstädte jetzt für die "tollen Tage" gewappnet. In kleineren Orten sieht das hingegen vielfach anders aus. Einige "Veedelszöch" in der jecken Peripherie standen deshalb auf der Kippe - oder wurden vorsichtshalber ganz abgesagt.

Allein in Köln sollen an Weiberfastnacht 2200 Polizisten im Einsatz sein, am Karnevalssonntag 1300 und am Rosenmontag 1700. Nach den islamistischen Attentaten mit Lastwagen in Nizza und Berlin wird es beispielsweise in Köln und Düsseldorf Straßensperren geben, in der Domstadt gilt zudem ein Fahrverbot für Lastwagen ab siebeneinhalb Tonnen.

Polizisten mit Schutzwesten und Maschinenpistolen gehörten "inzwischen zur akzeptierten Normalität bei Massenveranstaltungen im Freien", sagte Kölns Polizeipräsident Jürgen Mathies vor einigen Tagen in der Domstadt. Dabei sollen sich die Ordnungshüter nicht nur um die Terrorabwehr kümmern. Auch alkoholisierte Randalierer und Sexualstraftäter sollen die Polizisten ins Visier nehmen. Gerade in Köln und Düsseldorf ist die Sensibilität nach den hundertfachen sexuellen Übergriffen vornehmlich durch nordafrikanische Männer auf Frauen in der Silvesternacht 2015/16 weiterhin hoch. Insgesamt aber ist der enorme personelle und materielle Aufwand ähnlich der jüngsten Silvesternacht offenbar hoch genug, sich für alle Eventualitäten gewappnet zu fühlen.

Das allerdings war andernorts keine Selbstverständlichkeit. In Leverkusen beispielsweise wurde länger darüber diskutiert, wie die Mehrkosten von mehreren tausend Euro für Sicherheitsvorkehrungen wie zusätzliche Straßensperrungen und längere Ordnerdienste getragen werden sollen. Schließlich haben Sponsoren dies größtenteils übernommen. In Hilden stand der traditionelle Rosenmontagszug sogar kurzzeitig auf der Kippe: Auch hier sollten zusätzliches Personal und Sperren mehrere tausend Euro kosten. Doch auch hier fand sich schließlich ein Sponsor, der acht Fahrzeuge für die Absperrungen bereitstellen will. In Düsseldorf greifen Stadtverwaltung und Festausschuss den Organisatoren der Veedelszüge in den Stadtteilen für deren Absicherung finanziell unter die Arme.

Randale beim Zug in Granterath

Das hätten sich vermutlich auch die Organisatoren der Züge in den Dörfern Granterath und Hetzerath gewünscht. In den Ortsteilen von Erkelenz nahe Mönchengladbach wird es in diesem Jahr erstmals keine "Helau!"- und "Kamelle"-Rufe geben. Es waren die zunehmenden Aggressionen der vergangenen Jahre, denen sich die zuständigen Ortsvereine offenbar nicht länger gewachsen sahen.

Im 1300-Einwohner-Ort Granterath war die Lage im vergangenen Jahr am Karnevalssamstag eskaliert: Berichten zufolge randalierten rund 400 betrunkene Jugendliche nach dem Karnevalszug, attackierten feiernde Narren und Polizeibeamte. Mehrere Personen wurden verletzt, unter ihnen auch Polizisten. Ähnliche Vorkommnisse wurden aus anderen Dörfern gemeldet. Für die Organisatoren des Zuges war damit eine rote Linie überschritten: Man könne nicht mehr für die Sicherheit garantieren, ein wirksames Sicherheitskonzept würde den finanziellen Rahmen sprengen. "Grund ist, kurz zusammengefasst, das zunehmende respektlose Verhalten auswärtiger Besucher."

Menschen, "die nichts mit Karneval zu tun haben und unser Brauchtum missbrauchten", hätten zur Absage des Zuges veranlasst, teilten die Verantwortlichen mit, ohne hinsichtlich der Täter konkreter zu werden. Schweren Herzens habe man "die Reißleine gezogen", erklärte die Vereinsgemeinschaft, doch hätten für Ordnungsamt, Polizei und Rettungsdienst nicht mehr leistbare Auflagen erfüllt werden müssen, die zudem den friedlich Feiernden erspart werden sollten. Viele im Ort fragen sich nun jedoch, ob die Absage des Zuges ein einmaliges Zeichen bleiben wird - oder ob das Brauchtum dauerhaft vor Randalierern kapituliert.