Karnevalszug in Poppelsdorf, Buschdorf und Endenich

Närrische Geisterfahrer und wilde Piraten

POPPELSDORF. Auf den Straßen und in den Sälen in den Bonner Stadtteilen feierten die Jecken an diesem Wochenende ausgelassen Karneval.

POPPELSDORF

Zum dritten Mal schubsten die Karreschubser aus Poppelsdorf ihre Karren die Clemens-August-Straße beim Poppelsdorfer Vierdelszoch hoch und runter. Zum dritten Mal bedeutet, dies ist laut Rheinischem Grundgesetz ab jetzt "Tradition". Die kleinen "Prunkwagen" bei diesem Umzug dürfen nur gezogen oder geschubst werden. Neu in diesem Jahr war, dass die Musik live von Radio Bonn/Rhein-Sieg beigesteuert wurde. Deshalb sollten möglichst viele Zugbesucher ein Radio mitbringen. Das war leider suboptimal.

Vor vier Jahren hatte alles im Saal mit zwei Bollerwagen und elf Teilnehmern begonnen. In diesem Jahr waren Teilnehmer und Wagen kaum zu zählen, so gut ist das Karreschubsen in Poppelsdorf inzwischen angekommen. Kita, Parteien, Schule und Vereine, auch das Gewerbe - sie alle sind Bestandteil des Zuges geworden. Honoriert wurde dies von den Poppelsdorfern, die mit ihrem Besuch die breite Clemens-August-Straße rechts und links so zahlreich füllten, dass man nicht mehr von Zweier- oder Dreierreihen sprechen konnte.

Gäbe es einen Preis für die größte oder schönste Gruppe oder Idee, die Poppelsdorfer Schlossgespenster der Clemens-August-Schule hätten ihn verdient. Insbesondere der "Geisterfahrer", der die "Schlossherrin", die neben einem Skelett saß, auf seiner Rikscha kutschierte, war einsame Spitze. Man darf sich schon jetzt auf das Karreschubse im nächsten Jahr freuen, wenn es wieder heißt: "Schubs aan, schubs wigger, schubs fott!"

ENDENICH

Ganz schön mutig und ganz schön politisch war der Karnevalszug in Endenich. Doch rund um die Kulturmeile ist immer Mut und Meinungsfreiheit angesagt. So gaben gleich zu Beginn des Zuges die Damen der Lustigen Bucheckern zu verstehen, dass sie beim Lehrer Welsch in der "Kayjass Nummer Null" in der Schule waren. Und dann die Forderung, dass das Festspielhaus nach Endenich gehört! Warum ist da nur nicht bereits früher jemand drauf gekommen? So mancher Beethoven - oder waren?s Schumänner? - mit roter Pappnase unterstützte diese Forderung. Und dann Charlie, "Je suis Charlie", begleitet von waschechten Franzosen aus Endenich.

"Mir sin de Franzose, donn Endenich leevkose", trugen sie auf ihrem Banner. Einer im klassischen bleu-blanc-rouge, den Nationalfarben der Franzosen, ein anderer gekleidet wie Jacques mit den Baguettes, nur hatte er "Strüßje" dabei. Und dazu ein Plakat, auf dem Christ, Moslem und Jude zusammen mit einem Karnevalisten "Alaaf" ausrufen, tituliert mit "Mir stonn zesamme". Endenich traute sich, was Köln sich nicht traut - alle Achtung. Gekonnt auch, wie die Jungs von der KG Rot-Schwarz Endenich ihre Mädels auf den Schultern trugen, oder wie die Fahrer der großen Zugmaschinen ihre Fahrzeuge durch die teilweise engen, aber proppenvollen Gassen steuerten.

ENDENICH

Die Fernsehzuschauer sind es leid, nur noch Karneval im TV zu sehen, titelten neulich die Zeitungen. Kein Wunder. Auf den großen telegenen Bühnen geht es meistens ziemlich staatstragend und steif zu. Nicht zu vergleichen mit dem Fastelovend in den heimischen Sälen. Wie zum Beispiel bei der Prunksitzung der KG Narrenzunft im Springmaus-Theater am Wochenende mit überwiegend hausgemachtem Programm. Ein Garant für viel Spaß mit Niveau ist inzwischen der Endenicher Martin Holzhausen. Kostprobe? "Meine Freundin fährt super. Leider haben wir einen Diesel." BWL-Student Holzhausen sollte wirklich mal bei seinem Endenicher Weggefährten Luke Mockridge vorsprechen. Wer weiß, vielleicht sieht man ihn demnächst auch in Mockridges Fernsehshow "Nightwash" auf der Bühne. Höhepunkt der Sitzung war traditionell die Verleihung des Kappesorden, den dieses Mal Stadtdechant Monsignore Wilfried Schumacher erhielt. Übrigens ein waschechter Endenicher Jung, eben ein "Endenicher Kappesbauer", wie Schumacher, der einst gegenüber vom Rex-Kino in der Frongasse aufgewachsen ist, selbstironisch bemerkte. Die Laudatio hielt Marlies Stockhorst.

Die Präsidentin des Endenicher Damenkomitees "Lustige Bucheckern" und des Festausschusses Bonner Karneval ist ebenfalls Kappesorden-Trägerin und plauderte regelrecht aus dem Nähkästchen, als sie verriet, dass sie sich einst als kleines Mädchen in den ebenso kleinen Wilfried verguckt hatte. "Mama, Mama, der Wilfried will mich nicht heiraten. Er will Pastor werden", hatte sie damals ihrer Mutter weinend zugerufen, als sie vom Berufswunsch des Kinderfreunds erfuhr. "Du liebst diese Stadt und liebst immer noch Dein Endenich. Du bist dem Karneval verbunden. Deshalb bist Du ein würdiger Träger des Kappesordens", sagte Stockhorst. Durch das Programm führten in bewährt jecker Manier Narrenzunft-Präsident Michael Cronenberg und Ex-Bonna Annelie Friedrichs.

BUSCHDORF

Zum 40. Mal schlängelte sich am Samstag der "Karnevalszoch" durch Buschdorf - dieses Mal in die andere Richtung. "Es ist ein Experiment, mal etwas anderes, schauen wir mal, wie es ankommt", sagte Melanie Braun vom Karnevalsausschuss Buschdorf. Start war an der Straße "Im Schildchen". 25 Gruppen machten mit. Bunt kostümiert und umjubelt von den Buschdorfer Jecken am Straßenrand zog der Zoch mit Piratenschiff, Musik- und Tanzcorps mehr als zwei Stunden durch den Ort - großzügig regnete es Kamelle.

Neu im Zug war das Lumpenorchester aus Eschach bei Ravensburg, das am Prinzenwagen vom Prinzenpaar Jessica I. und Stephan I. vorbeizog und begrüßt wurde. "Für uns ist heute der Zug das Highlight im Karneval", sagte das Prinzenpaar begeistert. Auch das Bonner Prinzenpaar Jürgen I. und Bonna Nora I. statteten den Buschdorfer Tollitäten einen Besuch ab. Allerdings musste es gleich weiter zum Karnevalszoch nach Dransdorf. "Nächstes Jahr sind wir wieder dran", sagte Melanie Braun.

POPPELSDORF

Friedel Vogels war am Samstagabend beeindruckt von der Stimmung im Pfarrsaal von Sankt Sebastianus. Dafür, dass es noch so früh sei, sei das richtig gut, sagte der Frontmann der "Kölsch Band". Die fünf Musiker spielten zum ersten Mal auf der Bürgersitzung der KG Närrische Germanen, "aber sicher nicht zum letzten Mal", meinte Sitzungspräsident Willi Baukhage. Die Jecken im ausverkauften Saal sahen das genauso und verabschiedeten die fünf Musiker herzlich und mit viel Applaus. Nach Poppelsdorf komme er immer wieder gerne, sagte Baukhage zur Begrüßung.

"Das ist ein Stückchen wie nach Hause zu kommen", so der gebürtige Poppelsdorfer. Ähnlich empfinden Werner Nardowitz und Ernst Köhnken, die im Elferrat saßen: Ersterer wohnt im Westerwald, letzterer in Bremen, aber zu Karneval kommen sie immer wieder nach Bonn. Als Vorprogramm tanzten die Kinder der KG Teddybären, außerdem spielten die Rheinlandfanfaren. Auf dem Programm standen weiterhin die Huusmeister vom Bundesdaach, die Gruppe Joker Colonia, der Tulpenheini, Willi Armbröster, Bodo und die Ballermänner sowie Strunz un Büggel. Während der Sitzung wurden mit Lydia Fritz und Siggi Opitz zwei Frauen geehrt, "die immer mit anpacken, wenn es etwas zu helfen gibt", wie es der KG-Vorsitzende Peter Weingarten formulierte.

Das Bonner Prinzenpaar überzeugte sich auch von der guten Stimmung. "Ihr seht super aus!", lasen Jürgen I. und Nora I. auf einem Schild, das Eleonore Rönn-Hövedesbrunken in die Luft hielt. Die Leiterin des Perthesheimes war gut aufgelegt. Sie und ihre Familie seien Närrische Germanen. Am gestrigen Sonntag richteten die Germanen ihr traditionelles Erbsensuppen-Essen im Pfarrsaal aus, parallel zum Karnevalszug in Poppelsdorf. Daran wollten sie nicht rütteln, so Weingarten, "weil es unsere Veranstaltung länger gibt".