Politische Persiflagen

Wie politisch war der Bonner Rosenmontagszug?

Bonn. Wer von den Wagen der Bonner Rosenmontagumzüge mehr Biss erwartet hat, wurde enttäuscht. Bundes- oder außenpolitische Persiflagen tauchen eher selten auf. Das hat auch mit Kapazitäts- und Kostenfragen zu tun.

Ob Donald Trump als Walze, die Türkei, die unter Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan vom Urlaubsparadies zum Knast verkommt, der nordkoreanische Diktator Kim als Dirty Dancer mit einer Atombombe unterm Arm oder SPD-Mann Martin Schulz als Rohrkrepierer: Die große Politik bietet den Karnevalisten in Köln, Düsseldorf oder Mainz immer viele Themen für die Gestaltung ihrer Mottowagen. In Düsseldorf ist dieses Mal sogar ein Mottowagen der jüdischen Gemeinde dabei, die auf den wieder wachsenden Antisemitismus in Deutschland eingeht.

Im Bonner Rosenmontagszug tauchen bundes- oder außenpolitische Persiflagen dagegen eher selten auf. Von der ehemaligen Hauptstadt könnte man mehr Biss erwarten, oder? Das sei vor allem eine Kapazitäts- und Kostenfrage, wie Festausschusspräsidentin Marlies Stockhorst dem General-Anzeiger erklärt. „Wir haben mit Frank Wilsch und Peter Vossebauer nur zwei Wagenbauer.“ In Köln sei dagegen eine ganze Gruppe nur mit dem Wagenbau befasst. Die Ideen werden in Bonn in der Regel im Festausschuss entwickelt. Es gab aber auch schon Ideenwettbewerbe, berichtet Vize-Zugleiter Michael Schmidt.

Der Düsseldorfer Jacques Tilly tüftelt bis zuletzt

Weil schon im Herbst mit der Arbeit an den Wagen begonnen wird, sei es zudem schwierig, Motive aus der großen Politik umzusetzen. In der fünften Jahreszeit kann sich die bundespolitische Lage schon wieder geändert haben. Darauf könne man dann nicht mehr reagieren, so Stockhorst. „Wir haben deshalb vor einigen Jahren entschieden, uns vor allem auf bönnsche Themen zu konzentrieren.“ Für ihren Stellvertreter Stephan Eisel ist „eine gelungene Persiflage eine tolle Sache. Was wir nicht wollen, ist, dass die Parteien sich gegeneinander mit bestimmten Themen aufwiegeln, um für sich zu werben.“ Das wolle der Festausschuss ebenso wenig wie Reklamewagen.

Für Jacques Tilly, den bekannten Wagenbauer für den Düsseldorfer Rosenmontagszug, ist ein guter und satirisch gelungener Mottowagen „nicht nur eine Frage des Geldes, sondern vor allem der Kreativität. Man muss das eben wollen.“ In seiner Werkstatt wird bis zuletzt getüftelt. Ein Wagen bleibe immer bis zum letzten Wochenende offen, um auf aktuelle politische Ereignisse zu reagieren. „In diesem Jahr ist da beispielsweise diese sagenhafte Gabriel-Schulz-Nahles-Connection. Daran kann ein Wagenbauer gar nicht vorbeischauen.“ Tilly spricht in Bezug auf seine Auftraggeber, den Düsseldorfer Festausschuss, von einem glücklichen Umstand: „Die sind völlig angstfrei und lieben Satire mit Biss.“

„Blond ist das neue Braun“

Er sucht nach emotionalen Themen, die die Menschen bewegen. Für ihn ist das Publikum das Maß, ob ein Motiv ins Schwarze trifft. Manchmal gebe es sogar spontanen Beifall. Daraus schlussfolgert der Satiriker, der die Entwürfe kreiert und zugleich die Wagen baut, dass er zielgenau ins Schwarze getroffen hat. Im vergangenen Jahr ist ihm das unter dem Motto „Blond ist das neue Braun“ gelungen: Zu sehen waren Donald Trump, Geert Wilders und Marine Le Pen in einer Reihe mit einem blondierten Adolf Hitler. Eine Arbeit für den Bonner Rosenmontagszug kann Tilly sich gut vorstellen: „Warum nicht, ich habe auch schon für die Städte Cleve, Aachen und Trier gearbeitet.“

In Bonn sind Ausnahmen von den bönnschen Themen durchaus zugelassen. Etwa als die CDU/CSU mit der FDP koalierte und Guido Westerwelle Außenminister wurde. Damals zeigte einer der Festausschusswagen Westerwelle im Kinderwagen, den Angela Merkel schob. „Spätes Mutterglück“ lautete das Motto dieses Wagens. „Westerwelle war ja ein Bonner, an dem Thema kamen wir natürlich nicht vorbei“, sagt Stockhorst. Der 2016 verstorbene Liberale habe den Mottowagen nach dessen Fertigstellung selbst begutachtet und für gut befunden.

Als die Bundesstadt noch Hauptstadt war, waren Köpfe wie Konrad Adenauer, Franz-Josef Strauß und natürlich Helmut Kohl stets beliebte Motive auf den Mottowagen. Sogar vor nackter Haut schreckten die Karnevalisten nicht zurück. So zeigte der Festausschuss in den 1960er Jahren im Zusammenhang mit den Diskussionen um die sexuelle Befreiung nackte Frauenkörper aus Pappmaché auf einem Wagen.

Kondome dürfen nicht verteilt werden

Der Bonner Travestiekünstler Curt Delander, der früher das Zarah L. an der Maxstraße führte, erinnert sich noch an die Verklemmtheit, als die Aids-Initiative Kondome verteilen wollte und der Festausschuss ein Verbot aussprach.

Das Kommunale war schon immer Thema, etwa die Bauverzögerung bei der neuen Treppe am Alten Zoll 1955 oder „Sparflamme und Spötterfunken“ beim Beethovenfest 1970.

In diesen Jahr stehen zwei Mottowagen des Festausschusses ganz im Zeichen von 190 Jahren Bonner Rosenmontagszug. Einer zeigt die Vorgänger von Prinz und Bonna – Hanswurst und Freudegöttin Laetitia –, ein anderer erinnert an die Tollitäten von 1951 bis 2017. Ein dritter Mottowagen zeigt wie schon im Vorjahr das wegen Sanierungsarbeiten geschlossene Bonner Münster: Dieses Mal aber nicht als kranker Patient, sondern wegen der Spendenfreudigkeit der Bonner mit einem lachendem Turm. Auch der vierte Mottowagen dürfte den Jecken bekannt vorkommen: Er ist dem GOP-Varietéthater gewidmet und war auch schon 2017 dabei.

Die Geschichte des Bonner Rosenmontagszuges ist nachzulesen in der Broschüre „D'r Zoch kütt!“, die der Festausschuss anlässlich 190 Jahre Bonner Rosenmontagszug herausgegeben hat. Zu finden ist sie auch auf www.karneval-in-bonn.de.