Stunksitzung in Köln

Der Oberpleiser Tom Simon macht Stunk

Oberpleis. Der Oberpleiser Tom Simon gehört seit 19 Jahren zum Ensemble der Kölner Alternativ-Karnevalisten. Er spricht über alte Feindbilder, neue Zuschauergruppen und wie sich die Stunksitzung über die Jahre gewandelt hat.

Die Zeiten sind vorbei, als die Fans der Stunksitzung stundenlang in bitterer Kälte vor dem E-Werk ausharrten, weil es noch keine festen Sitzplätze gab. In dieser Hinsicht hatte Tom Simon es immer gut. Bis auf eine kurze Zeit als Türsteher, für den Job hatte er mit seinen 1,96 Meter ein Gardemaß, erlebte er die Veranstaltung stets im Warmen – als Schauspieler auf der Bühne. Was er mit seinen 54 Jahren inzwischen durchaus zu schätzen weiß. Daraus macht er bei einem Besuch in seinem Haus in Oberpleis, wo er mit der Familie seit 15 Jahren wohnt, kein Geheimnis.

Seit 1998 ist Simon ein Stunker. In dieser Session so oft wie noch nie. Seit dem 17. Dezember gibt es bis zum Karnevalsdienstag am 28. Februar insgesamt 55 Sitzungen. Alle restlos ausverkauft – wie jedes Jahr. Damit wird der bisherige Rekord von 51 Veranstaltungen getoppt. Vor Weihnachten werden inzwischen drei bis vier Großgruppentage angeboten, an denen größere Kartenkontingente an Betriebe verkauft werden, die dort ihre Weihnachtsfeier abhalten. „Von den Ausfällen, von denen man sonst bei solchen Feiern schon mal hört, bleiben wir aber zum Glück verschont. Wahrscheinlich weil unser Programm so dicht ist“, sagt Simon mit einem Schmunzeln.

Hat sich die Stunksitzung in den 19 Jahren, die er dabei ist, verändert? Simon denkt lange nach. Zum Beispiel über die Frage, ob die Veranstaltung früher politischer war als heute. Auch wenn er hier zu keinem direkten Ergebnis kommt, sagt er. „Die Nummern sind auf jeden Fall sehr viel schneller geworden. Man muss sehr viel genauer auf dem Punkt sein. Früher gab es Nummern, die waren zehn bis 15 Minuten lang. Das kann man sich heute in Zeiten der Comedy-Welle nicht mehr leisten.“ Und sonst? Natürlich gebe es die festen Sitzplätze und damit mehr Bequemlichkeit für das Publikum.

Und das Publikum selbst? „Das wird mit uns alt. Mittlerweile kommen auch die erwachsenen Kinder mit. Das ist schön“, sagt Simon. In den Anfangsjahren sei im Publikum auch kaum jemand verkleidet gewesen, schließlich war man ja die Anti-Karnevals-Veranstaltung, heute kämen hingegen viele verkleidet. Ihm persönlich ist das schnuppe. Anderes ist geblieben. Wie in den Anfängen sei es immer noch so, dass der Gewinn der Stunksitzung durch die 26 Mitglieder des Ensembles geteilt werde. Das bedeute: Jeder Schauspieler verdiene genauso viel wie Sitzungspräsidentin Biggi Wanninger oder Ecki Pieper von Köbes Underground.

"Wenn die Show einmal läuft, dann macht es nur noch Spaß."

Sind denn aber nicht die alten Feindbilder der Stunker auf der Strecke geblieben? Allen voran der frühere Erzbischof Joachim Meisner, der jedes Jahr eine besondere Rolle in der Sitzung spielte. Ja und nein, sagt Simon. „Der Woelki ist gut. Gegen den Mann kann man nichts sagen.“ Es gebe aber immer noch genügend Leute, die in Fettnäpfe treten. Wie zum Beispiel ein Horst Seehofer. Richtig gut kommt in diesem Jahr Angela Merkel weg, die großartig von Anne Rixmann parodiert wird.

Ist es nicht ein echter Schlauch, in weniger als zweieinhalb Monaten 55 Tage lang fast täglich dreieinhalb Stunden bis nach 23 Uhr auf der Bühne stehen zu müssen? „Nein. Wenn die Show einmal läuft, dann macht es nur noch Spaß. Das ist wie auf einer Welle surfen“, sagt Simon. Auch wenn er jede Nacht erst um Mitternacht zu Hause ist und dann meistens erst mal nicht einschlafen kann, weil er noch so unter Strom steht. Morgens frühstückt er dann mit seinen Kindern Ben (13) und Sofia (15) und holt danach meist noch mal fehlenden Schlaf nach, bevor er sich um das Mittagessen kümmert. Gegen fünf geht es dann wieder Richtung Köln-Mülheim zum nächsten Auftritt.

Vorbereitungszeit ist am stressigsten

Die wirklich stressige Zeit, das sei die Vorbereitungszeit, die bereits Ende August oder Anfang September beginnt. Da ist die Arbeitszeit eher wie beim Normalbürger. Sie beginnt mit einem ersten Brainstorming. Anschließend machen sich sieben bis acht Autoren an die Arbeit, um die Texte für die einzelnen Nummern zu schreiben. Weitere Etappen sind ein gemeinsames Wochenende in Schloss Gnadenthal am Niederrhein, wo auch die Musiker von Köbes Underground erstmals ihre Vorschläge anbringen.

Bei zwei anschließenden Literatentagen tragen die Autoren mit Headautor Reiner Rübhausen ihre Texte vor. Am Ende stimmt dann das gesamte Ensemble über das Programm ab. „Das ist ein total demokratischer Prozess, auch wenn es natürlich ein paar gewichtigere Stimmen gibt“, berichtet Simon. Nach der Hauptprobe und der abschließenden Generalprobe, die einen Tag vor der Premiere vor mit 1200 Personen ausverkauftem Haus stattfindet, werden dann noch einmal einige Nummern gestrichen. „Da wird wichtig diskutiert und geknetet. Das ist nicht immer witzig“, sagt Simon. Nach der ersten Hauptprobe wurden drei Nummern gestrichen, weil die Sitzung 30 Minuten zu lang war, nach der Generalprobe eine weitere.

Die erste Hauptprobe vor rund 300 Leuten werde immer von allen herbeigefiebert, sagt Tom Simon. „Denn wenn du einen Gag zwei Monate lang geprobt hast, kannst du nicht glauben, dass der jemals lustig war.“