Landsturmsitzung in Rheinbach

Elvis lebt in Meckenheim

Rheinbach. Die Landstürmer brillieren mit der Rheinbacher Variante der Stunksitzung in der dreimal ausverkauften Stadthalle. Unter dem Motto „Rheembach Royal“ versammelt sich eine illustre Schar an Gästen.

An Theorien, wie – und ob überhaupt – Elvis Aaron Presley alias „The King“ das Zeitliche gesegnet haben soll, herrscht kein Mangel. Die im Wortsinne naheliegende Lösung offerieren allerdings die Mitglieder des Rheinbacher Landsturms: Des Rampenlichtes überdrüssig und die Ruhe suchend, ist er seit dem 16. August 1977, dem Tag, an dem Elvis in Memphis/Tennessee für tot erklärt worden ist, als Apfelpflücker in Meckenheim untergetaucht. Quietschfidel und noch immer gut bei Stimme taucht der „King“ bei „Rheembach Royal“ in der Rheinbacher Stadthalle auf. Die Queen, Prinz Charles oder der „König von Mallorca“ sind da zum Treffen der Monarchen bereits eingetroffen. Wer die – mit je 500 kostümierten Jecken dreimal ausverkaufte – Landsturmsitzung kennt, der ahnt, dass es dem King in der Nachbarkommune Meckenheim nicht gefallen haben kann. Unter dem johlenden Jubel der Zuhörer intoniert Elvis folgerichtig einen seiner größten Hits in rheinischer Mundart, wenn er auf Meckenheim weisend „Do em Ghetto“ anstimmt.

Persiflagenabteilung des Stadtsoldatencorps

Glanzvoll royal gelingt der fulminante Auftakt der Rheinbacher Variante der Kölner Stunksitzung, die die Persiflagenabteilung des Stadtsoldatencorps schon im 49. Jahr zelebriert, während es die Sitzung aus der Domstadt übrigens erst seit 34 Jahren gibt. Die britische Königin sei gerne der Einladung in die Stadt der Tomburg und des Hexenturms gefolgt, weil sie einen „Exit vom Brexit“ benötigt. Ihre „Quasimodo-Community“ – gemeint ist die buckelige Verwandtschaft – habe sie gleich mitgebracht. Auf der Videoleinwand ist zu sehen, wie sie mit einem tiefliegenden und gleichsam tieffliegenden PS-Boliden – anstatt mit einer von echten Pferden gezogenen Kutsche – vom Waldhotel zur Stadthalle anreist. Dass ihr Chauffeur Smoking trägt, sich James Bond nennt, und mit Bürgermeister Stefan Raetz frappierende Ähnlichkeiten aufweist, lässt nicht nur Royalreporter Rolf Sägemehl-Knäckebrot staunend zurück.

Ein Rheinbacher Nachtwächter erklärt wortgewandt auf der Landsturmbühne, warum sich die jecke Parodie-Patrouille in diesem Jahr dem Thema Monarchie zugewandt hat: Das Linksrheinische sei schließlich geprägt von „verarmtem Landadel, wohin das Auge blickt“. Ein König Stefan, der längst die „Raetz-Autonomie“ eingeführt habe, könne sich gut die Meckenheimer zu Untertanen machen und sich bei entsprechend großzügiger Grenzziehung auch gleich noch das Drachenfelser Ländchen einverleiben. Übrigens: Die Wiedereinführung eines Prangers sei im royalen Rheinbach ebenso zu überlegen. Anstatt an der – auch bei den Mitgliedern des Landsturms beliebten – Theke der Gaststätte „Klein Rheinbach“ könnte die Bevölkerung der Glasstadt auch gleich im öffentlichen Raum über ihre Mitmenschen herziehen.

Garanten für bissige Persiflagen

Seit fast fünf Jahrzehnten sind die Landstürmer Garanten für bissige Persiflagen, spottgespickte Gesänge und gehaltvolle Gags. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mit reichlich Lokalkolorit glänzen und die Kommunal- Landes-, Bundes- und Weltpolitik aufs Korn nehmen. Ein Alleinstellungsmerkmal der Landsturmsitzung dürfte sein, dass die Persiflierten nicht selten in Fraktionsstärke im Auditorium sitzen, während sie auf der Bühne Gegenstand eines gesungenen Schmähgedichts oder eines selbst verfassten Sketchs sind.

Da sich die Landstürmer ihre eigenen Gedanken über eine Rheinbacher Monarchie machen, durften sich die Vertreter des demokratisch legitimierten Stadtrats in diesem Jahr fast schon entspannt auf ihren Stühlen zurücklehnen. Hatten die Landstürmer im vergangenen Jahr das Postengeschacher in der CDU-Fraktion glanzvoll als „Affentheater“ karikiert, taucht der Wechsel an der Fraktionsspitze von Bernd Beißel zu Silke Josten-Schneider lediglich in einem, wenn auch amüsanten Liederreigen auf. „Junge, komm bald wieder“, soll etwa das bei der Abstimmung unterlegene Beißel-Lager wehmütig angestimmt haben. Immerhin, so die Landstürmer, haben die Querelen in der christdemokratischen Fraktion die Erkenntnis wachsen lassen, dass „ein starker Mann auch eine Frau sein kann“.

Sonderapplaus für Martin Steinhauer

Warum sollen sich die Parodisten einen lustigen Reim auf Kabalen und Kommunalpolitik machen, wenn sich über ein Wesen im Brunnen der Tomburg Tränen lachen lassen? Für seine hängende Froschkönigzunge, mit welcher der grüne Hüpfer Königstochter Chantal zu bezirzen versucht, erntet Martin Steinhauer reichlich Sonderapplaus. Ebenso als gefeiertes Glanzlicht entpuppt sich die Rheinbacher Ausgabe des Trödelquotenhits „Bares für Rares“.

Das Lied der tanzenden Bürsten aus der Ritterwaschanlage wird manchen Sitzungsgast bis in seine Träume begleiten. Und wie aus Eierpunsch, einer Schneeschaufel und der Idee, in die tiefste Schnee-Eifel, also nach Rheinbach-Queckenberg, zu ziehen, ein haarsträubendes Familiendrama werden kann, welches Stephen King sich nicht bildreicher hätte ausmalen können, das macht die Qualität des Landsturms anno 2018 aus: Aus einem skurrilen Faden spinnen die Landstürmer ein dichtes Netz, das die Zuhörer mit jeder selbst ersonnenen Nummer gefangen nimmt. Wenn nach vier Stunden Landsturm die 500 Premierengäste lauthals Zugabe fordern, dann haben die Männer in Netzstrumpfhosen, Froschkostüm oder Keksprinzornat alles richtig gemacht.