Tradition in Wachtberg

Maßanzug für den Villiper St. Martin

Gerd Dung als Sankt Martin von Villip. Den Heiligen hat er gut 30 Jahre lang verkörpert.

Gerd Dung als Sankt Martin von Villip. Den Heiligen hat er gut 30 Jahre lang verkörpert.

WACHTBERG-Villip. Gerd Dung saß mehr als 30 Jahre lang fest im Sattel so manches störrischen Pferdes. Beim Erzählcafé berichten auch andere Wachtberger von ihren Erinnerungen.

Eine richtige Wahl hatte Gerd Dung nicht bei der Entscheidung, ob er den Sankt Martin in Villip verkörpern wollte oder nicht. Der Martinszug wurde von der örtlichen Feuerwehr organisiert. „Mein Vater war Brandmeister, und er hat gesagt, du machst das“, erzählte der 78-Jährige nun beim Erzählcafé im katholischen Pfarrheim. Also machte er das. Wann genau er damit anfing, weiß er gar nicht mehr. Das müsse Ende der 50er- oder Anfang der 60er-Jahre gewesen sein. 1990 kaufte er einen Reiterhof in Bad Breisig-Oberbreisig, bis dahin saß er als „Hillje Zinte Mätes“ im Sattel.

30 Jahre, da gibt es viel zu erzählen. Einige Erinnerungen gab er bei der Veranstaltung des Heimatvereins Villip zum Besten. Seine Rüstung habe ihm anfangs nicht gepasst, sie stammte von einem früheren Martinsdarsteller und lagerte in der Sakristei. Der Heimatverein habe ihm dann aber eine Rüstung spendiert, die auf ihn zugeschnitten war. Ende der 60er-Jahre gab es in Villip nur ein Pferd, das einem Waldarbeiter gehörte. Auf dem ritt Dung durch den Ort.

Er erzählte von störrischen Kaltblütern, die er am Martinsfeuer unter Kontrolle halten musste. „Man musste ja nicht auf das Pferd aufpassen, sondern auf die Kinder“, sagte der gelernte Schmied. „Heute müssen die ja alle gespritzt werden.“ Zum Konzept des Erzählcafés gehört auch, dass jeder Besucher sich mit eigenen Erinnerungen beteiligen kann.

Aus der Sicht eines Schülers

Werner Offergeld erzählte, wie er als Schüler das Martinsfeuer mit aufgebaut und bei der Martinsverlosung eine lebende Gans gewonnen habe. Die Familie gab das Tier an eine Flüchtlingsfamilie weiter. Karl Josef Hoffmann erinnerte sich an eine Fahrt mit einem Traktor, um bei den Bauern Heu für das Martinsfeuer zu sammeln. Man sei an jedem Hof mit dem Ruf „Stroh raus!“ angefahren. Wenn einer keins hergab, hätten die Kinder „Geizhals!“ gerufen.

Hoffmann hatte den Nachmittag mit einem kleinen Vortrag über den historischen Martin von Tours eingeleitet, der am 8. November 397 als Bischof in Tours starb – also am vergangenen Mittwoch auf den Tag vor genau 1620 Jahren. Er erzählte, wie sich der Ungar Martin mit zwölf Jahren in Italien einer christlichen Gemeinde anschloss, dann in die römische Armee eingezogen wurde und nach Gallien ging, wo er vor den Toren von Amiens einem Bettler seinen halben Mantel gab. Später schickte man ihn nach Ungarn, wo er die Heiden missionieren sollte. Sein Vater wollte das aber nicht.

Das Erzählcafé hatte der Heimatvereinsvorsitzende Ulf Hausmanns ins Leben gerufen. „Beim ersten Treffen waren vier Senioren.“ Jetzt, ein Jahr später, verzeichnete er einen Besucherrekord von rund 40 Teilnehmern.