Immisitzung in Köln

Jede Jeck is von woanders

Schluss-Ensemble-Nummer bei der 10. Immisitzung in Köln: Die„Immi Horror Picture Show“.

Schluss-Ensemble-Nummer bei der 10. Immisitzung in Köln: Die„Immi Horror Picture Show“.

KÖLN. Ausgelassen war die Stimmung bei der diesjährigen Immisitzung im Stollwerck in Köln. In 150 Minuten mit Pause agiert das Multikulti-Ensemble aus 13 Nationen mit gewohnter Qualität.

Im Fastelovend kennt die Liebe keine Grenzen. Manchmal aber doch. Räumliche. Diese fiese Erfahrung müssen Tiger-Frau und Zebra-Mann machen, die in einer Kneipe Fellfühlung aufnehmen wollen. Aber sie können zueinander nicht kommen, der Laden ist viel zu voll. Von tanzenden und schunkelnden Jecken werden sie bis ans Fenster gedrängt, wo sie, die Gesichter an der Scheibe platt gepresst, um ihr Glück kämpfen. Ständig Blickkontakt suchend, kommen sie sich millimeterweise näher, um dann vom Pulk der Feiernden doch wieder getrennt zu werden. Neuer Versuch, wieder nichts. Gibt es für die beiden trotzdem ein Happy End?

Vom Saal aus durchs Kneipenfenster hindurch betrachtet, wirkt das hinreißend komisch, das Publikum kriegt sich gar nicht mehr ein. Damit dieser Sketch zu einem Höhepunkt der diesjährigen Immisitzung im Stollwerck wird, braucht es nur ein einziges Requisit: Den Fensterrahmen mit „Flundereffekt“. Dahinter steckt eine ausgefeilte Choreografie: Das, was von außen so wuselig und quirlig aussieht, ist genau geplant. Auch bei der 10. Auflage der Show überlassen die Immis fast nichts dem Zufall. Groß gefeiert werden soll das Jubiläum aber erst nächstes Jahr, passend zur jecken elften Auflage der Show, wie Moderatorin Myriam Chebabi alias brasilianische Jungfrau „ImmiMymmi die Erste“ verrät.

Alternativer Karneval als lustvolle Gratwanderung

In 150 Minuten mit Pause agiert das Multikulti-Ensemble aus 13 Nationen (fast 80 Mitwirkende, davon 17 auf der Bühne) mit gewohnter Qualität. 22 Songs, 15 Sketche und acht Puppennummern decken das ganze Spektrum dessen ab, was alternativer Karneval als lustvolle Gratwanderung zwischen gutem Kabarett, kölschem Kult und coolen Coversongs zu leisten vermag. Angefangen von den scheinbar geldgeilen Vermietern, die sich als Gutmenschen entpuppen, derweil die Mieter, kraft zu niedriger Miete, ihr Prestige schwinden sehen, bis zur grandiosen Ensemble-Schluss-Nummer. Da landen zwei AfDler mitten in der „Immi Horror Picture Show“. Horror deshalb, weil damit eine für Braune gruselige Erkenntnis einher geht: „Ganz Kölle is bunt“. Getanzt und gesungen zum „Time Warp“.

Lokal, regional und international gibt es einiges, das sich aufs Korn zu nehmen lohnt. Eine Meerjungfrau verpasst beinahe ihr Date mit einem kölschen Prinz, weil sie im Plastikmüll unter der Hohenzollernbrücke strandet. Das Credo eines phlegmatischen Franken lautet „I rech mich ned aaf“ (solange man ihn nicht für einen Bayern hält), und der Friedensengel mit den zerfetzten Flügeln hat längst die Faxen dicke: Statt „Love is in the Air“ liegt „Terror in der Luft“. Technik und Tierwelt erweisen sich gleichfalls als inspirierend. Im voll computerisierten „Smarthome“ regnet es Socken (die niemand bestellt hat), die Sitzung via Skype bringt eine Psychotherapeutin an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Indes die Devise „Ausländer raus“ auch vor Dackel Brauni nicht Halt macht (er hat keinen rassereinen Stammbaum), und die allerliebst-putzige Fledermaus-Bande vom Hambacher Forst fast auf einen RWE-Undercover-Artgenossen hereinfällt, der Insekten-Rettung durch Nahrungsverzicht propagiert.

Interkulturelles Buffet und die Immi-Liveband

Während E-Zigaretten mit Flönz, Kamelle- und Kölscharoma, der „Hackbraten Kashoggi“ aus der Puppen-Cuisine und nuss- und rosinengefüllte Lammhoden vom „Interkulturellen Buffet“ Geschmackssache sind, herrscht Einigkeit, was die Immi-Liveband angeht: Die macht super Musik. Umarrangierte Stücke und eigene Songs der Ensemblemitglieder reichen stilistisch von Pop, Rock und Folk über Oper, Musical und Latin bis hin zum kölschen Liedgut. Bei „Ich bene ne kölsche Jung“ bricht sich so, statt der gewohnten Rührseligkeit, brasilianisches Temperament Bahn oder „Su lang de Leechter noch brenne“ von Miljöh kommt in einer orientalischen Version auch tänzerisch ganz anders in Schwung.

Die Immisitzung findet jedes Wochenende bis Karnevalsdienstag, 5. März, im Bürgerhaus Stollwerck, Dreikönigenstraße 23, statt. Für einige Sitzungen sind noch Karten erhältlich. Weitere Informationen unter www.immisitzung.de.