Närrisches Gericht in Sinzig

Vorgeladen, um Lob zu empfangen

SPD-Chefin Andrea Nahles beim „Stippeföttche“.

SPD-Chefin Andrea Nahles beim „Stippeföttche“.

SINZIG. Das Sinziger Närrische Gericht lässt Andrea Nahles Stippeföttche auf dem Rotbart-Parkett tanzen.

Wie gerne würde mancher Delinquent, hätte er denn die Wahl, sich für sein Vergehen den Reservisten der Närrischen Buben ausliefern. Denn deren Närrisches Gericht, diesmal im Restaurant „Rotbart“ abgehalten, waltete milde, gemäß Franz-Hermann Deres‘ Leitspruch: „Möge unser Gericht gnädig, aber gerecht sein.“

Die weißen Handschuhe schwenkend, zogen der Richter und Staatsanwalt Ludger Lohmer ein, um im Beisein des Sinziger Dreigestirns Prinz Andreas I., Bauer Dirk und Jungfrau Daniela zuerst „Rotbart“-Inhaber Silvia und Semir Hajdarovic vorzuladen, früher Betreiber des „Aquariums“ am Rhein in Bad Breisig. „Wir sind neun Mal abgesoffen“, begründete die Wirtin den Umzug nach Sinzig. Das „cool i narrisch“ im Restaurantnamen konnte sie nicht erklären. „Unerheblich“, befand Deres. Dass die neue Skulptur „Das alte und das junge Sinzig“ „verdammt teuer“ geworden ist, verzieh man Ortsvorsteher Gunter Windheuser. Auch Christin Schumacher, Wirtin des Bistros „Barbarossa’s“, kam trotz bemängelter blau-gelber Zierde gut weg. Demütig nannte sie sich eine „Dekorationslegasthenikerin“. So verurteilte das Gericht sie nur zum Exerzieren mit den Stadtsoldaten und forderte diese sogar auf, Schumacher im Bistro zu entlasten, damit sie an der Narrenmesse teilnehmen kann.

Zuweilen verband die Justiz ihren Tadel mit Schmeichelei. Dem „bravste Mädche von Sinzig“, Claudia Flück, ließ sie zwölf Monate, um im Kalender wichtiger Betriebe das übergangene Ex-Etablissement „Schiwago Club“ aufzunehmen. Tusch, Kölsch-Kippen am Kadi-Tisch und Musikeinspielung. Manche Beklagten riskierten Widerspruch. So ließ sich Mannschaftsführerin Silvia Mühl weder einen vierten Platz beim Wettstreit „Schlag die Möhre“ vorwerfen noch die Entwendung zweier Gardinen im Schloss: Schon zweimal war ihr Team Sinzig siegreich und im Schloss mit seinen schönen Fenstern habe sie „ein gutes Werk“ getan. „Calamariringe“ und Rumpsteak mit Zusatzstoffen kreidete der Staatsanwalt auf der Speisekarte des Farco Muric vom „Laguna“ an. Deres‘ Rat lautete, wieder Erbsensuppe für die Reservisten auszugeben und „im Laufe des Jahres Frikadellen ins Programm aufzunehmen“. Muric bat: „Cevapcici“. Der Richter insistierte: „Frikadellen.“ Als man Sinzigs langjährigem Pfarrer Gerhard Hensel scherzhaft unterstellte, die Pfarrei der Zukunft übernehmen zu wollen und daher Achim Thieser bei Bischof Ackermann nach Berlin weggelobt zu haben, bestritt der mit „so‘n Quatsch“ jegliche Schuld.

Großzügig ließ Deres Dechant Thieser, „Saarländer im Herzen mit rheinischer Zusatzqualifikation“ nach Berlin ziehen, nachdem der Geistliche vortrug, die vielen Saarländer dort brauchten einen saarländischen Seelsorger. „Brauchen sie nicht auch eine saarländische Ortsvorsteherin?“ hakte der Richter arglistig nach. Aufheulen im Saal. Wenn der Name auch nicht fiel, wusste jeder, dass die Vorsteherin von Franken gemeint war. Abstrus war es, dem CDU-Kreisvorsitzenden und Landtagsabgeordneten Horst Gies vorzuhalten, sich beim Europaparlament nicht für den Weinbau in Sinzig, Bodendorf und Westum einzusetzen und als politisch Schwarzer die Roten zu lieben. „Aber nur, wenn sie in Flaschen abgefüllt sind und höchstens 14 Prozent haben“, entgegnete er.

Ein Stimmungshoch erlebte die närrische Sitzung zur Hebung des Frohsinns und (dank Geldstrafen) der blau-gelben Finanzen durch die SPD-Parteivorsitzende Andrea Nahles. Zwar stand Lohmers Vorwurf im Raum, „Andrea lehnt den Vaterschaftstest für die SPD bezüglich Harz IV ab“. Aber bald ging es nur noch um eine Busfahrt der Närrischen Buben zu Grünkohlkönigin Nahles nach Oldenburg, wo die Reisenden statt Kohl nur Schweinelendchen bekamen. Die Politikerin im hübschen Matrosenkostüm zeigte in Sinzig jede Menge Lust am Karneval und brach immer wieder in ein herzhaftes ansteckendes Lachen aus. Damit nicht genug, legte sie mit Dirk Sauer von den Buben ein astreines „Stippeföttche“ aufs Rotbart-Parkett. „Wunderbarer Tanz, Daumen hoch“, sprach Deres für all die begeisterten Gerichtsbesucher, die das Tanzduo zu „Es war einmal ein treuer Husar“ dicht umringt hatten.