Rosenmontagszug in Bonn

Das Fenster zum Zoch

Christine Reetz und Ruth Müller haben einen guten Blick aufs Geschehen.

Christine Reetz und Ruth Müller haben einen guten Blick aufs Geschehen.

Bonn. Freud und Leid: Wer am Zugweg wohnt, kann seinen Exklusivplatz mit netten Menschen teilen. Oder er flüchtet vorübergehend.

An normalen Tagen erkennt Bernd Bracklow seine Kundschaft am Haarschnitt, aber der Rosenmontag ist eben kein normaler Tag. Es ist der Tag der Perücken, der gefärbten Haarsträhnen und der gestalterischen Freiheit aller Jecken und Narren, und deshalb lädt Bracklow vor seinen Friseursalon in der Heerstraße. „Das mache ich schon seit Jahren. Es ist die beste Ecke, um zu feiern.“ Und das Beste: Es steht, vor allem für die Damen, eine Toilette zur Verfügung.

Geschäfte, Büros, Privatwohnungen: Entlang des Bonner Zugwegs beziehen eine Menge Jecke Fensterpositionen in erstklassiger Lage mit freiem Blick auf das Geschehen unter ihnen. Karina Kröber bietet regelmäßig für Freunde und Kunden Mettbrötchen, Berliner und Getränke über ihrem Hörgeräte- und Optikergeschäft am Friedensplatz an. Obwohl vom Fach kann sie bislang nicht sagen, dass es ihr zu laut wäre. „Der Karneval ist eben so.“ Zum Sortiment, darauf weist sie hin, gehört aber auch Gehörschutz, der den Trara im Zweifel dämpfen könne.

An der Kölnstraße wartet Sascha Weber auf den Zug, vom dem ja am Morgen noch nicht vollends klar war, ob er denn überhaupt starten kann. Zwei Dutzend Freunde haben er und seine Frau eingeladen. Die kleine Tochter feiert ebenfalls mit. Wenn der Zug nicht gestartet wäre, sagt Sascha Weber, hätten sie trotzdem einen drauf gemacht. Später geht es in den Partykeller, Tradition seit mehr als 15 Jahren. Ein Stück weiter hat Dirk Jacobi zwei Zimmer im Haus der Familie freigeräumt. Der Altbau vor dem Abzweig zur Heerstraße sei „karnevalistisch geadelt“. Prinz Georg I., der 1995 im Zug mitging, habe dort schon Fastelovend gefeiert. Ein Fieber, das sich durch die Hausmauern übertragen zu haben scheint.

Lernen für Chemieklausur

Weniger Aufwand betreibt Yulia Daragonov in der eigenen Wohnung. Aber die gebürtige Georgierin schaut mit den beiden Kindern Joel und Louis immer die Rosenmontagszüge an, während ihr Mann Roubel im Luxx die Kundschaft bewirtet. „Ich habe diese Tradition zum ersten Mal vor Jahren in Bonn mitbekommen. Und diese Stimmung hat mir von Anfang an gefallen“, sagt sie.

Der Duisburger Uli Heilingbrunn betreibt ein Büro für Baufinanzierungen am Marktplatz, aber im „Eddie the Eagle“-Kostüm hat er für den Tag die Schreibtische zur Seite geräumt. „Am Mittwoch wird gestrichen. Passt doch, oder?“, fragt er.

So richtig auf den Keks geht die ganze Feierei dagegen Olaf Tietze, der seine Wohnung schon am Vormittag Richtung Norden geräumt hat, um die Eltern in Niedersachsen zu besuchen. „Sehen Sie, das ist für einen Fischkopf wie mich einfach nicht die richtige Veranstaltung.“

Geradezu demütig sind Christine Reetz und Ruth Müller in den Rosenmontag gestartet. Die Studentinnen haben für eine gemeinsame Chemieklausur gelernt – oder es zumindest versucht. Für Christine Reetz, die Eifelerin, die seit ein paar Jahren in der Vorgebirgsstraße lebt, ist es tatsächlich der erste Rosenmontagszug, den sie in Bonn erlebt. Bislang, erklärt sie, sei sie immer in Köln unterwegs gewesen. „Aber ich muss schon sagen, das ist ganz wundervoll hier.“

Am Morgen ab 9 Uhr hat sie die ersten Soundchecks von den nahen Kommentatorenbühnen mitbekommen, Abschlepper haben parkende Autos wegtransportiert. Schritt für Schritt hat die Studentin sich dem Höhepunkt des Bonner Karnevals genähert. Und am Nachmittag, wo der Zug gerade in vollem Gange ist, stellt sie fest, dass sie den ganzen Tag eigentlich nur darauf gewartet hat, endlich mit dem Lernen für Chemie aufzuhören. Das ist ihr zumindest für den Moment ganz gut gelungen.