So feiert Elke Junkersfeld aus Siegburg im Gefolge des Dreigestirns

Fünf Prozent Sehvermögen, 100 Prozent Karneval : So feiert Elke Junkersfeld aus Siegburg im Gefolge des Dreigestirns

Elke Junkersfeld steht im Gefolge des Siegburger Prinzenpaares auf der Bühne. Sie ist fast blind. Doch das wissen die wenigsten im Publikum.

Wenn der amtierende Siegburger Karnevalsprinz Ralf Seiler mit seiner Siegburgia Vera Seiler und seinem Gefolge durch die Säle zieht, dann wird gejubelt, geschunkelt und getanzt. Rosen werden verteilt, Bützjer gegeben und auf der Bühne zeigt das Gefolge, was es drauf hat. Als „Inseltiroler“ inszeniert es einen tänzerischen „Battle“, einen humorvollen Tanz-Kampf zwischen Berg- und Meer-Urlaubern. Der Spaß, den die Tänzer dabei selber haben, ist nicht zu übersehen. Einfach nur „wunderschön und sehr berührend“ ist es auch für Elke Junkersfeld, Teil des Gefolges zu sein. Dass die 47-Jährige fast blind ist, wissen die wenigsten im Publikum.

Von Geburt an hat die Siegburgerin eine Sehfähigkeit von anfangs nur acht bis zehn Prozent, inzwischen sind es nur noch drei bis fünf Prozent. „Ich sehe alles leider nur schemenhaft“, sagt Elke Junkersfeld. Sie hat keine Iris und ist deshalb auch sehr lichtempfindlich. „Mein Vorteil ist es aber, dass ich es nicht anders gewohnt bin“, sagt sie selbstbewusst und mit sich im Reinen.

Mit Lupen und Handylicht

Mit Hilfen, wie Lupen und der Verstärkung durch Handylicht, oder einem Langstock, den sie bei Dunkelheit nutzt, kommt Elke sehr gut klar. Auch an ihrem Arbeitsplatz im Liegenschaftsamt der Stadt Siegburg kommt die Beamtin im gehobenen Dienst mit Sehhilfen zurecht.

Fernsehen am Abend? Auch das ist für sie möglich. „Da hilft mir eine Audio-Deskription über die App Greta“, erklärt sie. „So ist es möglich, den Film besser zu erfassen.“ Und eine Vergrößerung über Leinwand und Beamer gibt ihr zudem einen besseren Sehkomfort.

Beruf und Alltag kann die gebürtige Siegburgerin trotz ihrer Sehbehinderung gut meistern. Die Sitzbank am Wegesrand, ein Mülleimer in der Fußgängerzone oder der Geschäftswerbeständer mitten auf dem Gehweg – im Fußgängerbereich der Städte gibt es immer wieder Hindernisse, die ein uneingeschränkter Fußgänger gar nicht als solche wahrnimmt.

„Ich kenne inzwischen jeden einzelnen Poller in Siegburg“, sagt Elke, die dafür bekannt ist, dass sie die Dinge stets positiv angeht. „Mitleid möchte ich nicht haben“, erklärt sie. „Ich kann schließlich immer jemanden ansprechen und bin mir auch nicht zu schade, um Hilfe zu bitten.“

Orientierung im Gedränge

Diese Hilfe wird der Mutter eines Sohnes gerne gegeben. „Auch im Gefolge ist es inzwischen so, dass ich unaufgefordert Hinweise bekomme, wo wir abbiegen müssen, wo die Treppe zur Bühne beginnt, oder wer gerade auf mich zukommt und mich grüßen möchte.“ Bei der Prinzenproklamation, dem ersten Einzug in die Rhein-Sieg-Halle, sei es nicht so leicht gewesen, die Rosen zu verteilen und das Gedränge zu überblicken, aber ihre Mitstreiter hätten ihr geholfen.

Der Bühnentanz, den Elke mit ihrem Mann Jörg und ihren „Inseltirolern“ aufführt, musste natürlich hundertprozentig sitzen. Als Tanztrainerin hat Anja Stahl, Mitglied der Husaren Schwarz-Weiß, die Gruppe seit den Sommerferien trainiert – und Elke und Jörg haben ihre Schrittfolge besonders gut verinnerlicht. „Das ist wie in der Schule. Abschreiben konnte ich leider nie. Man muss es wirklich selber können“, sagt Elke.

Als sie Ende der 1980er Jahre von der Realschule am Neuenhof auf ein Gymnasium wechseln wollte, mussten ihre Eltern die Lehrer am Anno-Gymnasium gar nicht mehr davon überzeugen, dass eine Blinden- oder Sehbehindertenschule für ihre Tochter nicht notwendig sei. Sie hatte bereits in der Grundschule bewiesen, dass sie auch mit dem eingeschränkten Sehvermögen immer klar kam.

So durchlief Elke als bereits frühes Beispiel für Inklusion das Schulsystem bis zum Abitur am Anno-Gymnasium. Heute geht dorthin auch ihr Sohn zur Schule und auf den Auftritt an Weiberfastnacht in der alten Schule freut sie sich besonders.

Zeitung als E-Paper

Blindenschrift hat die 47-Jährige nie lernen müssen. Im öffentlichen Raum nutzt sie aber die ertastbare, erhabene Schrift, die am Bahnhofsgeländer Blinden- und Sehbehinderten den Weg zu den Gleisen weist. Mit einer Mobilitätstrainerin erkundet sie solche wertvollen Hilfen. Und den General-Anzeiger liest sie als e-Paper und kann deshalb ihre Zeitung auch hören.

Siegburgia Vera ist Elkes Cousine. Sie hat Elke und ihren Mann Jörg bereits früh gefragt, ob eine Session im Gefolge für sie denkbar sei – die Entscheidung stand sofort fest. „Gefeiert habe ich schon immer gerne“, sagt Elke, die im Karneval Geburtstag hat. „Die Frage war nur, ob wir es schaffen, die Vielzahl an Auftritten mit unserem Leben zu vereinbaren und unser 13-jähriger Sohn sollte natürlich auch zustimmen.“

Gut 80 Auftritte machen die Junkersfelds nun im Gefolge mit. Was es für sie bedeutet, den Karneval von der Bühne aus zu erleben? „Der Karneval ist unglaublich verbindend“, kann Elke schwärmen. „Wenn man spürt, dass der Funke auf den Saal überspringt und man wie auf einer Welle auf die Bühne getragen wird, dann ist das ein unglaublich tolles Erlebnis. Diese Nähe zum Publikum und die gemeinsame Freude ist ein ganz besonderes Geschenk für mich.“