Karneval in Rheinbach: Friedliche Übernahme im Rathaus

Karneval in Rheinbach : Friedliche Übernahme im Rathaus

Keine Kanonenschüsse, aber eine Schweigeminute mit gesenkten Standarten für die Opfer von Hanau – das war der Rathaus-Sturm in Rheinbach.

Freigiebig wie nie zuvor waren die Verteidiger des Rathauses der Stadt Rheinbach. So viele Kamelle und allerlei andere Leckereien hatte es bis dato noch nie vom Balkon geregnet, wenn die Jecke sich zur Eroberung des Rathauses anschickten. „Wir haben grad die Steuern erhöht, ihr könnt mit vollen Händen schmeißen“, forderte Bürgermeister Stefan Raetz die Verteidiger auf. „Außerdem ist es ein Wahljahr.“

Das ließen sich die stellvertretenden Bürgermeister und Ratsvertreter, unterstützt von Brigadegeneral Ralf Hoffmann und dem Landtagsabgeordneten Oliver Krauß, nicht zwei Mal sagen. Eine Finte hatten sich die Angreifer allerdings ausgedacht: Sie marschierten zu früh mit der geballten Macht der uniformierten Jecke und Tollitäten aus dem gesamten Rheinbacher Stadtgebiet auf. Die Absperrung des Rathaus-Vorplatzes räumte ihnen freundlicherweise die Polizei zur Seite.

Warum das Mikrofon anfangs in der Hand des Stadtsoldaten-Kommandanten Willi Hohn nicht funktionierte, wusste Raetz sofort: „Das liegt am Öko-Strom, den wir jetzt auf Antrag der Grünen haben.“ Ein wenig traurig sei er schon, so Hohn, denn es sei die letzte Rathaus-Erstürmung mit Bürgermeister Stefan Raetz als „Befehlshaber“ der Verteidiger. Kein Problem, so Raetz, er werde im nächsten Jahr die Seiten wechseln und die Reihen der Angreifer verstärken. Das bringe ihnen auch einen entscheidenden Vorteil: Nur er wisse, so Raetz, wo der Schlüssel vor seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin versteckt sei.

Nach dem traditionellen Tanz der Tollitäten und einem Geburtstagsständchen für Landstürmer Thomas Spitz erklärte Raetz die Übergabe des Rathauses an die Jecke und die Tollitäten zeigten sich triumphierend auf dem Balkon mit dem eroberten Schlüssel.

Eine Rathaus-Erstürmung im Wortsinn war es in diesem Jahr nicht, sondern vielmehr eine friedliche Machtübergabe. Denn wie schon tags zuvor bei der „Erstürmung“ der Tomburg-Kaserne verzichteten die Uniformierten auf die Kanonenschüsse. In einer Schweigeminute gedachten sie mit gesenkten Vereins-Standarten der Opfer der feigen, rassistisch motivierten Morde von Hanau. „Wir sprechen uns gegen Extremismus und gegen Rassismus aus“, sagte Bürgermeister Raetz. „Wir stehen für alle diejenigen ein, die von Idioten und Schwachköpfen nicht toleriert werden.“ Mit ihrem Applaus unterstrichen alle Anwesenden ihre Zustimmung.

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